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Burschenschaft Germania Braune Burschen vor Gericht

Jahrelang betrieb ein Mitglied der Kasseler Burschenschaft Germania einen Handel für rechtsextreme Musik. Jetzt steht er vor Gericht. Germania pflegt auch Verbindungen zur AfD.

06.02.2017 20:51
Carsten Meyer und Joachim F. Tornau
Diese Kappen zierten Köpfe von Burschenschaftlern. Nicht alle von ihnen sind rechtsextrem. Foto: picture alliance / dpa

Der Name ließ keine Fragen offen. „Supremacy through Intolerance“ nannte Michael Jan R. sein Musiklabel mit Onlineshop. Überlegenheit durch Intoleranz also. Zunächst von Kassel, später von Gießen aus vertrieb der heute 33-Jährige seit 2008 sogenannten National Socialist Black Metal, kurz: NSBM. NSBM ist neonazistische Hassmusik der übelsten Art: Die Bands heißen „Holocaust“, „Der Stürmer“ oder „Aryan Blood“ („Arisches Blut“). Ihre Machwerke tragen Titel wie „Reinheit des Blutes“, „Heil dir, mein Vaterland“ oder „Gas Chamber Music“ („Gaskammermusik“).

Bereits 2010 wurde gegen Michael Jan R. ermittelt. Mehrfach wurden Produktionen seines Labels als jugendgefährdend indiziert. Der hessische Verfassungsschutz beobachtete „Supremacy through Intolerance“. Doch erst eine Razzia im Jahr 2013 setzte dem Treiben von Michael Jan R. ein Ende. An diesem Mittwoch muss sich der studierte Archäologe vor dem Gießener Amtsgericht verantworten. 18 Fälle der Volksverhetzung und des Verwendens verbotener NS-Symbole werden ihm zur Last gelegt.

In dem Prozess könnte auch die Mitgliedschaft des Angeklagten in der Kasseler Burschenschaft Germania zur Sprache kommen – einer Studentenverbindung, in der Michael Jan R. reichlich Gleichgesinnte fand. Das belegen mehrjährige Recherchen der Frankfurter Rundschau. Nicht nur wurden Burschenschafter als Teilnehmer rechter Versammlungen identifiziert. Es konnten auch die Nicknames und Aliasnamen entschlüsselt werden, unter denen Aktive und Alte Herren im Internet auftreten. Das Bild, das dabei zutage trat, ist braun in braun.

Um nur einige Beispiele zu nennen: Da wäre Burschenschafter Philipp S., der beim rechtsextremen Plattenhandel Opos Records bestellte und sich via Facebook mit einem wegen Mordes und Brandstiftung verurteilten NSBM-Musiker aus Norwegen solidarisierte. Da wäre Michael D., 30 Jahre alt und zeitweilig Sprecher der Verbindungsstudenten, der über das Internetauktionshaus Ebay jahrelang sowohl Musik von NSBM-Bands als auch einschlägiges weltanschauliches Schrifttum kaufte und verkaufte. Und der seine Gesinnung nicht nur in der virtuellen Welt offenbarte: 2011 nahm er mit einer Gruppe nordhessischer Neonazis am rechtsextremen „Trauermarsch“ für die Opfer der Bombardierung Dresdens teil. Mit dabei: sein heutiger Bundesbruder Tristan L., 24 Jahre.

Der Leugnung und Verharmlosung der NS-Verbrechen hat sich auch Raphael V. verschrieben. Bei dem, was der 31-Jährige bei Facebook verlautbart, ist die Grenze zur Strafbarkeit oft nicht fern. So kommentierte er einen Bericht über die grausame Ermordung sowjetischer Kriegsgefangener als „Greuelpropagandamüll“. Der Strafprozess gegen einen ehemaligen Waffen-SSler war für ihn ein „zionistischer Schauprozess“. Und bezogen auf den Holocaust sprach er gar von „vorgeblich historischen Fakten“.

Als regelrechter Fan des Dritten Reichs präsentierte sich Jörg F.: Stolz veröffentlichte der 25-Jährige Fotos seiner großen Sammlung von NS-Devotionalien im Internet – von Orden über Uniformteile bis zu Hitlerbüste und „Mein Kampf“. Mit einem Metalldetektor zog er über Weltkriegsschlachtfelder, auf denen bis heute nicht geborgene Tote ruhen, um Helme, Waffen, Kennmarken und persönliche Gegenstände von Wehrmachtssoldaten aus der Erde zu holen. Und bei Facebook zitierte der Student der Wirtschaftspädagogik nationalsozialistische Propagandadichter und machte das Tor des Konzentrationslagers Buchenwald mit der zynischen Inschrift „Jedem das Seine“ zu seinem Profilbild.

Verbindungen zur AfD

Auf eine Bitte der FR um eine Stellungnahme reagierte die Burschenschaft nicht. Auch Michael Werl, Fraktionsvorsitzender der AfD im Kasseler Rathaus, will mit der FR grundsätzlich nicht sprechen. Dabei gäbe es einiges zu fragen. Denn Werl hat der Burschenschaft im vergangenen Jahr einen Persilschein ausgestellt. Die ebenfalls von ihm geführte Hochschulgruppe der „Jungen Alternative“ forderte sogar, den Burschen Räume an der Universität zur Verfügung stellen. Er habe bei der Germania keine Neonazis getroffen, sagte der Student der Politik- und Wirtschaftswissenschaften damals der FAZ. „Die Leute, die ich da kennengelernt habe, waren alle korrekt, wertkonservativ und traditionell.“

Im Kreis der Burschenschafter, darunter auch einige der hier genannten, besuchte Werl im Dezember 2014 die erste Kundgebung des Kasseler Pegida-Ablegers. Der 30-Jährige, der vor seiner AfD-Karriere als Landesschriftführer der extrem rechten „Republikaner“ in Hessen amtierte, will selbst jedoch nie Mitglied der Germania gewesen sein.

Er habe sich die Verbindung „nur kurze Zeit angeschaut“, beteuerte er gegenüber der FAZ, und sich dann gegen einen Eintritt entschieden – „aus zeitlichen Gründen“.

Nur kurze Zeit? Nach Auskunft der Stadt Kassel war Werl von Oktober 2012 bis Dezember 2014 in einem der beiden Häuser der Kasseler Burschenschaft gemeldet. Mehr als zwei Jahre also. Und kein Mitglied? Was er bei Facebook postete, liest sich anders. Im Chat mit einem Germanen bekannte sich Werl im März 2014 ganz offen zu seiner Zugehörigkeit: „Unsere Studentenverbindung“ nannte er die Germania.

Auch dazu war keine Erklärung des AfD-Politikers zu bekommen.

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