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Burg Dreieichenhain Wenn der Mond zur Riesenspinne wird

Ein Frankfurter Künstlerpaar nutzt die Burg Dreieichenhain während der Festspielsaison für Videoprojektionen.

Die riesige Spinne der Videoprojektion ?Lichtgespinste? seilt sich allabendlich vom Bergfried der Ruine ab. Foto: Martin Boettcher

An jedem Vorstellungsabend ist seit Beginn der diesjährigen Saison das gleiche Schauspiel zu beobachten: Nach Ende der Vorstellung in der Burgruine bleiben viele Besucher vor der Brücke stehen und schauen neugierig auf den Bergfried. Ein mit Licht an das Überbleibsel des Wohnturms projizierter Countdown zählt von zehn Minuten hinunter. Die Frankfurter Künstler Corinna Zürcher und Martin Böttcher präsentieren während der Festspielsaison zwei Videoprojektionen nach den Vorstellungen.

„Lichtgespinste“ heißt der erste Film, der gezeigt wird. Die Zuschauer zücken ihre Smartphones und machen Bilder, wenn geometrische Formen auf die Mauer projiziert werden. Zu von Bernhard Straub komponierten Klängen verwandeln sich die Muster: Ein Mond wandert über die Mauer und verwandelt sich in eine riesige Spinne, die sich aus einem Netz hinabseilt. Wie Spargelstangen wachsen dann andere Muster von unten Richtung Himmel, nur wenige Sekunden später werden daraus Dutzende Motten, die sich über der Mauer ausbreiten.

„Wir haben den Film im 3D-Mapping-Verfahren entwickelt“, sagt Böttcher. Die Projektion ist passgenau auf den Bergfried als Hintergrund zugeschnitten. „Dafür mussten wir zunächst ein Modell der Ruine entwerfen und haben darauf die Projektion berechnet“, sagt er. Im strömenden Regen hätten beide dann auf dem Dach des Restaurants El Castillo nach dem richtigen Ort zur Aufstellung des Projektor gesucht, erinnert sich Zürcher.

„Das ist unser bisher größtes Projekt“, sagt sie, „normalerweise sind unsere Projektionen ein oder zwei Tage zu sehen, aber noch nie sechs Wochen am Stück.“ Die Künstler haben bereits in der Schweiz, in Nürnberg oder Berlin Projektionen gezeigt.

Auf Einladung der Kunstinitiative Dreieich wurden die beiden Frankfurter auf Dreieichenhain aufmerksam. „Wir waren vorher noch nie bei den Festspielen, aber jetzt haben wir uns richtig in Dreieichenhain verliebt“, sagt Böttcher, „ich suche sogar schon nach einer Immobilie hier.“

Nach Ende der rund sechsminütigen Projektion spenden die Zuschauer dem Künstlerpaar Applaus, dann weist ein neuer Countdown auf die nächste Projektion hin. Mit der Projektion „look at the world through my eyes“ möchten Zürcher und Böttcher für mehr Toleranz werben. Zu sehen ist ein „Portrait-Remixer“: Die Augenpartien von Portraits werden durch die anderer Menschen ersetzt, der Betrachter bekommt nie das eigentliche Abbild der Person zu Gesicht. Die Bilder sind verblüffend, die Vermischung der Bilder erzeugt ganz neue Gesichter, die dennoch vertraut erscheinen. Neben Vertretern der Politik und der Vereine haben auch Schüler der Ricarda-Huch-Schule und der Max-Eyth-Schule die Künstler mit Fotos unterstützt.

„Ursprünglich hatten wir das Projekt 2015 für den Fernsehturm in Berlin ersonnen“, sagt Zürcher, „kaum zu glauben, aber der Denkmalschutz hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht.“ Ein „echter Irrsinn“ sei das gewesen, sagt Böttcher. „Als würde das Denkmal durch fünf Minuten Lichtbestrahlung am Tag tangiert werden.“ Zwar ist auch die Burg Hayn denkmalgeschützt, doch haben im Kreis Offenbach keine ähnlichen Bedenken hinsichtlich einer Projektion bestanden. „Deshalb hat Dreieich nun die Premiere des Portrait-Remixers bekommen“, sagt Zürcher.

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