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Bundestagswahl 2009 Beschweren Sie sich bitte hier

Schimpfen und Singen: ersteres zur Wahl sowieso und zweiteres kann einen über die ganze Traurigkeit erheben. Jetzt auch in Frankfurt - mit dem Beschwerdechor. Von Anna Lu

25.09.2009 12:09
Anna Lu
Protest vor der Wahl Foto: dpa

Man weiß nicht, ob das der beste oder der schlechteste Chor ist, den man je gesehen hat. Kaum ein Ton stimmt und doch: So stimmig wie dieser Chor ist selten einer.

In einem kleinen Raum im Haus am Dom trifft sich regelmäßig eine Gruppe von rund 25 Leuten. Zum Schimpfen. Und zum Singen. Beides sogar gleichzeitig - und zwar im ersten Beschwerdechor Frankfurts, initiiert vom Frankfurter Kunstverein. Singend beschweren sich die Chormitglieder über Radfahrer, Autofahrer und Fußgänger, über Wahlirrsinn und penetrante Leierkastenmänner.

Die Altersspanne der Mitglieder reicht von 30 bis 70 Jahren, auch die Berufsgruppen sind bunt gemischt. Chorleiter Hans-Joachim Steinbrück ist ein Nordlicht und ein Original. Bald 80 Jahre alt und kein bisschen müde: Steinbrücks Energie würde für mehrere Chöre reichen. Laut, rasant und streng jagt er die Gruppe durch Evergreens - mit modifiziertem Text. So wird aus "Wer hat die Kokosnuss geklaut" flugs ein "Wer hat mein Wahlprogramm".Politisch wird die Gruppe selten, am liebsten schimpfen sie auf Alltagsprobleme. Dabei ist ihre Gründung eng mit einem politischen Großereignis verbunden: Am Abend der Bundestagswahl wird der Chor seinen großen Auftritt haben, dann nämlich soll er die Wahlparty im Frankfurter Kunstverein aufmischen.

Sich von seinen Sorgen reinigen

Beschwerdechöre gibt es mittlerweile überall auf der Welt. Der erste entstand 2005 in Birmingham nach der Idee des deutsch-dänischen Künstlerpaares Tellervo Kalleinen und Oliver Kochta-Kalleinen. Anlass war die Überlegung, dass die in Klagen und Beschwerden investierte Energie in etwas Positives umgewandelt werden könne: Musik. Im Hintergrund steht der Katharsisgedanke - durch den Beschwerdegesang könne jeder Einzelne sich von seinen Sorgen reinigen.

In erster Linie jedoch amüsiert der Frankfurter Beschwerdechor - sich selbst und die Zuschauer auch. Die Teilnehmer lachen, sie kichern, tuscheln und seufzen wie ein Schulchor. Ein lustiger Chor, denkt man, könnte glatt auch ein Kegelverein sein. Dann passiert etwas sehr Schönes. Steinbrück spielt die ersten Akkorde von "Autumn Leaves", jenem tausendfach interpretierten Liebeslied. Yves Montand sang es, Jessye Norman und Frank Sinatra.

Inbrünstige Ode an die Lobby

Und nun der Beschwerdechor. Eine eigentümliche Andacht senkt sich auf die Gesichter. Sie singen mit Inbrunst, mit Ernsthaftigkeit: "Das Licht geht aus, das Licht geht an, der Lobbyist verdient daran." Das ist ihr Lied auf die Glühbirne, auf dieses kleine Ding, das eine kurze Weile brennt und dann erlischt, wie die Liebe, wie der Sommer. Zurück bleiben Scherben und Herbstlaub.

Nach diesem Lied nimmt man den Chor ernst. Manche Töne mögen falsch sein, die Hingabe ist es nicht. Ebenso wenig wie der freundliche, fast liebevolle Umgang innerhalb der Gruppe. Dabei sind einige gerade erst dazugestoßen. "Bei uns kann man noch fünf Minuten vor Vorstellungsbeginn einsteigen", ruft Steinbrück, "schließlich sind wir jung, dynamisch und flexibel."

Wahlparty: Beschwerdechor Frankfurt und Kommentatorshow mit Moritz Metz, 27.9., 17.30 Uhr, Kunstverein, Frankfurt, Markt 44

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