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Bordküchen-Hersteller Im Flugzeug zählt die schlanke Linie

Die Herborner Firma Sell ist Weltmarktführer für Bordküchen, die Mitarbeiterzahl hat sich in fünf Jahren verdoppelt.

23.08.2008 00:08
Flugzeugküchen-Bauer Sell
Kompakt und funktional - jede Sell-Küche ist ein Unikat. Foto: dpa

Über den Wolken muss das Angebot vielfältig sein: Frisch gebrühter Kaffee, warme Brötchen und ein Mittagessen, das eben aus dem Ofen kommt.

Auf dem Weg etwa nach Australien oder Amerika wollen Fluggesellschaften ihre Passagiere verwöhnen. Die Speisen und Getränke werden in der Bordküche zubereitet, der so genannten Galley. In jedem zweiten Langstreckenflugzeug ist eine Küche der Firma Sell aus dem mittelhessischen Herborn, einem Tochterunternehmen der britischen Premium Aircraft Interiors Group.

Internationale Kundschaft

"Bei Langstreckenflugzeugen sind wir mit einem Anteil von mehr als 50 Prozent Weltmarktführer", sagt Geschäftsführer Karl Asamer. Seit 1954 produziert das Unternehmen in Herborn Küchen und Kücheneinrichtungen für Flugzeughersteller und Fluggesellschaften.

"Unsere Kunden verteilen sich über den Globus, da ist alles dabei, was Rang und Namen hat: Airbus, Boeing, Lufthansa, Emirates, China Southern, US Airways", sagt Marketingleiterin Isabella Schäfer. Ob Kaffeemaschine, Brötchenwärmer, Wasserkocher, Ofen oder Stauschränke: Sell stellt her, was zu jeder Küche gehört - und zwar so, dass der begrenzte Platz im Flugzeug optimal genutzt wird.

"Fast jede Küche, die unser Werk verlässt, ist ein handgefertigtes Unikat. Der eine Kunde will gerundete Formen, der andere Ledereinsätze, wieder ein anderer mag es eckig", sagt Schäfer. Auch Schlafcontainer und Treppen für Flugzeuge werden in Herborn gefertigt. Erst im März hat Sell die 35 000. Flugzeugküche seit der Gründung des Unternehmens durch den Schiffbauingenieur Werner Sell (1900 bis 1998) ausgeliefert. "Das war eine Küche für eine A340-300 der größten finnischen Fluggesellschaft Finnair. Damit haben wir einen Industrierekord aufgestellt: Mehr Flugzeugküchen hat bislang noch kein Unternehmen auf der Welt ausgeliefert", sagt Asamer. Die 30 000. Galley war im Jahr 2005 verkauft worden. Das zeigt: Die Firma profitiert vom anhaltenden Boom im Flugverkehr. Die Auftragsbücher sind sehr gut gefüllt. "Wir kommen kaum nach mit den Lieferungen", sagt der Geschäftsführer.

Derzeit arbeiten rund 1050 Menschen bei Sell in Herborn. Vor fünf Jahren noch hatte das Unternehmen nur halb so viele Beschäftigte. Auch der Umsatz sei in den vergangenen fünf Jahren stetig gestiegen, sagt Asamer. Im Jahr 2006 habe Sell 134 Millionen Euro Umsatz gemacht, 2007 seien es 144 Millionen Euro gewesen. Für das laufende Jahr werde wieder eine Steigerung erwartet. Zum Gewinn schweigt der Geschäftsführer.

Viel Arbeit beim A380

Der Aufwind scheint dem Unternehmen vorerst erhalten zu bleiben: Allein für 43 Großraumflugzeuge des Typs Airbus A380 haben die Vereinigten Emirate bei Sell Bordküchen in Auftrag gegeben - und dies ist nicht der einzige Kunde. "Beim A380 haben wir insgesamt einen Marktanteil von etwa 70 Prozent", sagt Schäfer. Im Durchschnitt kostet eine Galley zwischen 60 000 und 80 000 Euro. Für die komplette Küchenausstattung eines Großraumflugzeugs müsse der Kunde schon mal bis zu 1,5 Millionen Euro bezahlen.

Bevor eine Galley das Werk verlässt, durchläuft sie eine Reihe von Kontrollen und Sicherheitstests. "Es muss alles hundertprozentig sein", sagt Qualitätsprüfer Walter Würtz. Anhand von Bauzeichnungen prüfen der 52-Jährige und seine Kollegen jedes Detail. Schon ein winziger Spalt an einer Kreuzschraube sei für Kunden ein Reklamationsgrund, sagt Schäfer. Allerdings würden so wenig Schrauben wie möglich verarbeitet.

Wo immer es gehe, würden Bauteile zusammengesteckt und geklebt. "Unsere Produkte müssen stabil und sicher, aber vor allem leicht sein - und Metall wiegt", sagt die 31-Jährige. Deshalb werden die Bordküchen mit einem sehr leichten Faserverbund aus gehärtetem Papier und Phenolharz in wabenförmiger Struktur gefertigt. Die erste Flugzeugküche lieferte Firmengründer Werner Sell 1955 an Lufthansa aus.

"Ursprünglich hat Sell nach dem Zweiten Weltkrieg eine Firma gegründet, die Fertighäuser und Einbauküchen fertigte, dann kam der Auftrag von Lufthansa für eine Flugzeugküche", sagt Schäfer. 1953 ging die Sell Haus- und Küchentechnik GmbH an die Burger Eisenwerke, einem der damals größten Hersteller von Öfen in Deutschland.

Bewegte Geschichte

Dieses Unternehmen wurde 1958 von den Buderusschen Eisenwerken in Wetzlar übernommen. Bis ins Jahr 1997 blieb Sell Teil der Buderus AG, wurde dann an die britische Unternehmensgruppe Britax International, die heute Premium Aircraft Interiors Group heißt, verkauft und firmierte fortan unter dem Namen Britax Sell. 2003 wurde dann die Sell GmbH daraus.

Werner Sell entwickelte die Firma mit intelligenten Lösungen laut Schäfer bald zum führenden Hersteller von Flugzeugküchen. Auch Bordküchen für Züge, U-Boote und Schiffe baute er.

Den Grundstein hatte Sell schon als Mitarbeiter bei den Junkers- Flugzeugwerken in Dessau gelegt: Als Verkäufer überredete er 1930 einen rumänischen Prinzen, neben einem Salon auch noch eine Teeküche als Flugzeuginterieur zu kaufen. Sell hatte wohl früh erkannt, dass für Passagiere das Angebot über den Wolken vielfältig sein muss. dpa

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