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Bockenheimer Netzwerk Vereint gegen den Terror

Sie knackten Schlösser, frisierten Dokumente und retteten damit dutzende Leben. Die Helden aus dem Untergrund sind die Hauptpersonen in Petra Bonavitas Buch über die Bockenheimer Antifaschisten. Von Claudia Michels

Überlebenskünstler: Klaus Schaefer schützte seine jüdische Mutter vor Verfolgung. Foto: FR/Arnold

Am Freitagmorgen ist es in der gedämpften Atmosphäre der Halle des Jüdischen Museums plötzlich laut geworden. "Ich will kein Brimborium", rief ein zorniger älterer Mann am Café-Tisch, so dass sich ihm mancher Kopf erschrocken zuwandte. "Aber den Hass, den hab´ ich geerbt!" polterte der Mann, "den Hass, dass die Mehrheit der Menschen damals nur gegafft hat, statt Widerstand zu leisten." Wenigstens, fügte er etwas leiser an - "indem man Menschen rettet!"

Wenigstens. Was der Zornige mit Namen Dieter Welke da ansprach, ist in Frankfurt in den zwölf furchtbaren Jahren der nationalsozialistischen Verfolgungen gegen Juden und Andersdenkende ganzen 60 Personen zugute gekommen. Mehr Fälle hat die Autorin Petra Bonavita für das Buch über "Retter und Gerettete" nicht finden können, das im Museum vorgestellt wurde. Einer aber, der geholfen und das Äußerste riskiert hat, war der Bockenheimer Pfarrer Heinz Welke.

Der gehörte zu jenem "Bockenheimer Netzwerk" sagenhaft unerschrockener Frankfurter und heimlicher Helfer. Zu dem Kreis von Leuten, die Verfolgten das Untertauchen oder die Flucht ermöglichten. Nach perfekt ausgeklügelter Taktik und konspirativen Plänen. Am allerwichtigsten, strich Bonavita heraus, sei dabei gewesen, "keine Namen zu nennen". Und zwar niemandem.

Unbekannte Mithelfer

Im Mittelpunkt dieses Netzes agierte das Arztehepaar Fritz und Margarete Kahl aus der Blanchardstraße 22. Dort, in der Praxis, gingen besonders nach Beginn der großen Deportationen im Oktober 1941 stündlich die Berichte über Angst und Not von Patienten ein.

Ein Kriminalbeamter namens Gentemann trug polizeiliche Informationen ins Haus. Der Schlosser Karl Münch knackte Behördentüren auf, um an Dokumente zu kommen. Ein Grafiker, wahrscheinlich Angestellter der Frankfurter Zeitung, wusste die Papiere zu frisieren. Die Krankenhausfürsorgerin Karoline Weber begleitete Vorgeladene zur Gestapo, zu den Verhören der in Frankfurt besonders perfektionistischen Geheimen Staatspolizei.

Und dann soll es noch eine weitere Hauptperson der Hilfskette gegeben haben, hat die Autorin einem Vermerk in einer Unterlage entnommen, eine Frau namens Dorle Pfeifer. "Wer war Dorle Pfeifer?", fragte sie am Cafétisch, an dem sich Betroffene, Überlebende und ihre Nachkommen, versammelt hatten. Pfeifer aber kennt keiner. Obwohl Verbindungslinien ins Bockenheimer Hilfenetz, so stellte sich heraus, bei den meisten bestehen.

Sie lebte in Angst - bis zu ihrem Tod

Bei Erica Ludolph zum Beispiel, Jahrgang 1921. Sie schaffte es damals, die jüdische Mutter ihrer besten Freundin auf ein einsames norddeutsches Gut zu begleiten - Pfarrer Heinz Welke organisierte den Fluchtweg. Oder bei dem gleichaltrigen Klaus Schaefer, dessen Familie die jüdische Maria Schaefer durch jahrelange Täuschungen und Tricksereien gegenüber den Überwachungsorganen vor dem Lager bewahren konnte - Hausarzt der Jüdin blieb Fritz Kahl von nebenan.

Der Familie Rhotert dagegen, deren Schirmgeschäft am Liebfrauenberg in der Pogromnacht vor den Augen des Publikums in Brand gesteckt wurde, half wiederum Pfarrer Welke 1943 "aus einer sehr bedrängten Lage", wie er nach dem Krieg bezeugte. Zur Buchvorstellung im Museum war aus Irland Nicole Sutton gekommen, Tochter der damals von den Nazis gehetzten Maya Rhotert. Sie berichtete, ihre Mutter habe ihr Leben lang "immer Angst gehabt und niemandem vertraut".

Das, waren sich alle einig, war "die Langzeitwirkung". Man sprach im Nachkriegsdeutschland ja auch nicht darüber - zumal "so viele Nazis wieder in Stellung kamen", wie Klaus Schaefer sagte. "Die Gesellschaft war braun eingefärbt", schimpfte Pfarrersohn Dieter Welke, "das war ja nicht weg. Warum auch?" F4

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