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Biologin Klussmann-Kolb Die Schneckenflüsterin

Die Frankfurter Biologin Annette Klussmann-Kolb untersucht mit Weichtieren den Klimawandel.

06.05.2009 00:05
VERONIKA VON ZAHN
Frankfurt  Bild 2 von 4
Annette Klussmann-Kolb braucht keine Angst zu haben, dass ihre Forschungstiere schnell wegrennen. Foto: Arnold/FR

Britta lässt sich Zeit. Die große afrikanische Achatschnecke sitzt auf Annette Klussmann-Kolbs Hand und streckt langsam die Fühler aus. Normalerweise nimmt Klussmann-Kolb ihre Forschungsobjekte nicht einfach so in die Hand. Normalerweise legt sie sie in Formaldehyd ein und schneidet sie in Scheiben. Aber Britta hat Glück. "Sie ist eher ein Haustier", sagt die Schneckenforscherin.

Seit 15 Jahren beschäftigt sich die Biologin mit Schnecken, und immer noch findet sie die Tiere spannend. Angefangen hat das mit der Diplomarbeit. Da beschrieb sie Seeschnecken aus dem Mittelmeer. Dann beschäftigte sie sich mit dem Fortpflanzungsapparat von Schnecken, und heute interessiert sie sich für die Evolution der Weichtiere, also für die Frage, wie welche Schneckenarten entstanden, wo und wann sich die Wege der einzelnen Arten getrennt haben.

Tauchen nach der Seezitrone

"Man braucht sehr viel Erfahrung mit den Tieren, ihrem Lebensraum und dem, was sie so fressen, um die richtigen Schlüsse zu ziehen", sagt die Professorin. "Nach drei Jahren Doktorarbeit hat man vielleicht ein Grundverständnis davon." Die Schnecken sind für sie Forschungsobjekte, eine wirkliche Beziehung hat sie zu den Tieren nicht.

Aber schön findet sie Schnecken trotzdem. Zumindest die Seeschnecken, denen ihr besonderes Interesse gilt. Sie sucht in ihrem Regal und zieht einen Bildband heraus. Die meisten Meerestiere, die da abgebildet sind, würde ein Laie nicht als Schnecken erkennen: in allen Farben des Regenbogens leuchten sie, haben seltsame Auswüchse und Zipfel und phantasievolle Namen, wie die Seezitrone, die vor der Bretagne orange und an der britischen Küste gelb aussieht.

Wer bei Annette Klussmann-Kolb promoviert, sollte tauchen können. Denn die Schnecken, über die sie forschen, müssen die Nachwuchswissenschaftler selbst aus dem Meer ziehen. "Das mache ich mittlerweile nicht mehr, dafür ist es nun mein Job, das Geld für diese Projekte zusammenzukriegen", sagt Klussmann-Kolb über ihre Arbeit.

2003 bekam sie eine Juniorprofessur an der Uni Frankfurt, mittlerweile hat sie einen ordentlichen Lehrstuhl inne und beschäftigt zwischen acht zehn Mitarbeiter. Bei ihren Forschungen untersucht sie nicht nur das Aussehen der Schnecken, sondern schaut sich die Tiere auch von innen an. Dafür wird den Forschungsobjekten die Behandlung mit dem Formaldehyd zuteil.

Die Schnecke der Zukunft

Mit Hilfe eines Computerprogrammes können die Wissenschaftler aus den Schneckenscheiben Form und Lage der inneren Organe bestimmen, und 3D-Modelle erstellen. Außerdem interessiert sich Klussmann-Kolb für das genetische Erbe der Schnecken. Dafür wird den Tieren Gewebe entnommen und die DNA darin untersucht. Mit Hilfe ihrer Forschungsergebnisse kann die Wissenschaftlerin die Stammbäume der Schnecken zeichnen. Sie reichen viele Millionen Jahre zurück. "Darwin allein reicht bei weitem nicht aus", sagt sie zu über ihre Forschung. Die Methoden der heutigen Wissenschaft sind viel genauer, als Darwin es sein konnte.

Mittlerweile ist ihr Lehrstuhl auch Teil des Forschungszentrums für Biodiversität und Klima. Das Zentrum ist eine Kooperation der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung und der Uni Frankfurt und untersucht die Auswirkungen des Klimawandels auf die Vielfalt der Arten. Klussmann-Kolb glaubt, dass sich vor 65 Millionen Jahren sehr viele neue Schneckenarten herausgebildet haben. Der Grund: Klimaschwankungen. Mit den Ergebnissen ihrer Untersuchung könnten Forscher vielleicht einmal Voraussagen treffen über die Auswirkungen, die der Klimawandel auf unsere Tier-und Pflanzenwelt haben wird.

Dann ließe sich die Forschung an den Schnecken auch auf andere Tierarten übertragen. Die Schneckenforschung ist also noch lange nicht abgeschlossen, "das dauert noch viele Forscherleben", sagt Klussmann-Kolb und lacht.

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