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Beschneidung Strafanzeige "Es bestand akute Gefahr"

Ein Arzt aus Gießen sieht sich Aufrufen zur Selbstjustiz ausgesetzt, nachdem er einen bayrischen Rabbiner wegen dessen Beschneidungspraxis anzeigte. Im FR-Interview erklärt er, wieso er "aus historischer Verantwortung" so handelte und welche medizinischen Alternativen zur Beschneidung bestehen.

07.09.2012 16:01
Die Beschneidungsutensilien des oberfränkischen Rabbiners und Mohel David Goldberg. Foto: dapd

Er hat den bayerischen Rabbiner David Goldberg wegen Misshandlung an Schutzbefohlenen angezeigt. Seitdem wird der Arzt aus Gießen stark kritisiert und sogar bedroht. Eine österreichische Onlinezeitung rief Anfang dieser Woche zur Selbstjustiz an dem Arzt auf. Nun hat er den Staatsschutz angerufen und um Schutz für seine Person gebeten. Er möchte auch nicht, dass sein Name veröffentlicht wird. Die FR respektiert diesen Wunsch.

Warum haben Sie gerade Anzeige gegen Rabbiner Goldberg erstattet?

Rabbi Goldberg hat auf seiner Webseite für Genitaloperationen bei Säuglingen ohne Betäubung in Privatwohnungen geworben und dabei von ärztlicher Durchführung abgeraten. Außerdem gab er an, nach dem Kölner Beschneidungs-Urteil unverändert weiter zu operieren. Es bestand akute Gefahr, dass Herr Goldberg Säuglinge weiter quält, ich wollte mich da nicht durch Stillschweigen mitschuldig machen.

Haben Sie noch weitere Motive Anzeige zu erstatten?

Die Anzeige habe ich aufgrund des besonderen historischen Erbes für deutsche Ärzte erstattet, keine Verletzungen an wehrlosen Menschen durchzuführen oder zu dulden, gleichgültig durch wen diese begangen werden. Ich habe während meiner Tätigkeit in der Psychiatrie die historischen Folterkeller und menschenverachtenden Maßnahmen des NS- Regimes mit Entsetzen begutachten können und fühle mich seither dem Schutz der Menschenrechte in besonderer Weise verpflichtet.

Warum richten Sie Ihre Anzeige gegen einen Mohel und nicht etwa auch gegen muslimische Beschneider?

Auf Goldbergs Website bin ich zufällig während des Surfens gestoßen. Wenn ich auf einen muslimischen Glaubensangehörigen aufmerksam geworden wäre oder einen Christen, der gleiches bewirbt, hätte ich auch Anzeige gegen diese gerichtet.

Wie gehen Sie mit den Antisemitismus-Vorwürfen um?

Das halte ich für den üblichen Reflex. Übrigens glauben laut der neuen Studie des Jewish People Policy Institute noch nicht einmal die Israelis selbst an eine antisemitische Ursache bei der Beschneidungsdebatte. Dort ist trefflich ein universaler Wertekonflikt beschrieben.

In der österreichischen Onlinezeitung „die jüdische“ erschien als Reaktion auf Ihre Anzeige der Aufruf es sollten „sich ein paar beherzte Juden finden, die sich den werten Herren schnappen und ihm ruckzuck eine rituelle Beschneidung verpassen“. Wie gehen Sie mit solchen Reaktionen um?

Ich sorge mich vor Radikalen. Es ist schlimm dass man in Deutschland Angst haben muss.

Werden Sie sich trotzdem weiter für das Thema einsetzen?

Die Gegenreaktionen begannen schon weit vor meiner Anzeige mit der Aufforderung der Religionsvertreter an die Bundesregierung ein Gesetz zu verabschieden. Dort ist man dann völlig uninformiert in die Debatte gegangen. Wo ich helfen kann, werde ich weiterhin helfen, aber meine moralische Pflicht, diese Sache zur Anzeige zur bringen habe ich erfüllt. Ich möchte nicht ständig angegangen werden.

Was erwarten Sie nach Ihrer Anzeige von den deutschen Gerichten?

Ich hoffe, dass sich der deutsche Rechtsstaat nicht verbiegen lässt, damit würde sich Deutschland blamieren. Selbst in den USA ist die Resonanz über das Beschneidungsurteil mittlerweile positiv. In Berlin und Baden-Württemberg wird die Gewaltenteilung nun unterlaufen. Man beruft sich dort bei der Beschneidung auf eine einfache Körperverletzung, deren Strafverfolgung Ermessenssache sei. Aufgrund der neuen Studienlage ist aber eine schwere und gefährliche Körperverletzung auch bei ärztlich durchgeführten Operationen wahrscheinlich. Und da endet das Ermessen. Rabbi Goldberg führt nicht nur menschenverachtende Operationen durch, er darf und kann sie auch gar nicht fachgerecht ausführen, weil er kein Arzt ist.

Gibt es in diesem Fall für Sie einen Kompromiss?

Natürlich gäbe es Kompromisse, wie etwa die Ritzung der Penisvorhaut durch eine Lanzette. Dabei wäre Blut im Spiel, was einen wichtigen Teil im Beschneidungszeremoniell darstellt. Da ein solcher Eingriff keine Operation darstellen würde, dürften auch Mohelim diese Körperverletzung durchführen, sofern sie gesetzlich geregelt würde. Wenn bei den Vorsorge-Untersuchungen durch Kinderärzte geregelt würde, medizinisch nicht notwendige Beschneidungen zu melden, könnte dies eine Abwanderung in die Illegalität unterbinden. Ich würde mir wünschen, dass der Druck auf die Politiker, ein verfassungswidriges Gesetz zu verabschieden, endlich unterbliebe. Das schadet allen Beteiligten und ist der Integration auch nicht zuträglich.

Das Interview führte Elena Müller

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