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Bergen-Enkheim Der Legende ein Gesicht

Das Modell für das Denkmal des historischen Schelmen von Bergen-Enkheim kommt bald in die Gießerei. Von Danijel Majic

Das Gesicht ist schwer zu deuten. Breitbeinig steht er da, die Augen von der tiefen Kapuze verdeckt, die Hände in den Taschen des wallenden Gewandes. Um den Brustkorb windet sich ein dickes Seil. Etwas teilnahmslos wirkt er, als würde alles um ihn rum, das ganze Treiben der Welt ihn nicht viel kümmern. Und doch lässt sich eine gewisse Aura nicht leugnen, die vom Modell des Schelmen von Bergen ausgeht, auch wenn die sich gerade nur in den engen Grenzen eines Enkheimer Kellerateliers entfalten kann.

"Ein bisschen mysteriös muss er schon sein", sagt Hans-Joachim Schwital, Erschaffer des Schelmenmodells aus Styropor, Polyester, Gips und Glasfaser. Irgendwann in naher Zukunft, soll daraus eine Bronzeplastik werden, die den Platz vor dem ehemaligen Herrschaftssitz der Schelme, der Schelmenburg, schmücken soll. So hat es der Ortsbeirat 16 unlängst beschlossen, 30000 Euro stehen dafür zur Verfügung. Dann wird dem Urahnen des Herrschergeschlechts, der Legende nach einst der Scharfrichter Bergens, der von Kaiser Barbarossa in den Adelsstand erhoben wurde, ein Denkmal gesetzt - noch eins, möchte man fast sagen.

Tatsächlich kann man dem Schelm schon heute kaum aus dem Weg gehen. Eine ganze Reihe Bergen-Enkheimer Institutionen führt die legendäre Figur im Namen. Von der Schelmenstube, über das alle vier Jahre stattfindende Schelmenspiel, bis zum Schelmenpokal der Kunstradfahrer - das Schelmenschlösschen sowieso. "Es ist nun mal so", sagt Hans-Joachim Schwital, "er ist die überragende Gestalt der Bergen-Enkheimer Historie."

Für den 62-Jährigen, den Freunde aufgrund seiner vielfältigen künstlerischen Arbeiten als "Universalkünstler" bezeichnen, ist es nicht die erste Begegnung mit dem Schelmen. Schon vor 30 Jahren, kurz nachdem es Schwital an den östlichen Stadtrand verschlagen hatte, widmete er dem Schelm ein Gedicht. Im November 2009 trat schließlich der Ortsbeirat an ihn heran, der Legende wieder ein Gesicht zu geben.

Ein Zug ins Melancholische

"Ich versuche immer, möglichst viel in einem Werk zum Ausdruck zu bringen." Die auf seine Tätigkeit als Maler, Musiklehrer und Autor gemünzte Beschreibung, würde auch auf den Autodidakten Schwital zutreffen. Etwa wenn er erklärt, zwar eine "Veranlagung für das Plastische" zu haben, sich jedoch in seiner fast vier Jahrzehnte währenden Karriere als Künstler noch nie an einer Plastik versucht zu haben. Der Schelmenplastik sieht man das nicht an. Realistisch wirken die Konturen, die Falten des Gewandes, die übers Gesicht rutschende Kapuze, die der Figur einen melancholischen Zug verleiht. "Ich habe in dem Schelmen nie nur den Henker gesehen", betont Schwital, "er war für mich so eine Art Mann für´s Grobe. Das hat ihn mir sympathisch gemacht."

Drei Monate hat Schwital daran gearbeitet. Eine relativ kurze Zeit, was er jedoch als gutes Zeichen wertet. "Von Michelangelo sagt man, er habe seinen David in nur sechs Wochen aus dem Marmor gemeißelt." Der Stolz auf sein Werk ist Schwital, der über den "Umweg eines Jura-Studiums" zur Kunst gelangte, anzumerken. "Er wird ein Ausrufezeichen sein." Ein etwa 200 Kilogramm schweres, wenn es er erst mal steht.

Für Schelm und Schöpfer rückt der Abschied näher. Bald wird das Modell an die Gießerei geliefert, wo er als Vorlage für die endgültige Bronzeplastik dienen soll. "Das hinterlässt schon ein Lücke", gibt Schwital unumwunden zu.

Vielleicht sind ihm ja die Pläne des Ortsbeirates ein Trost. Dort möchte man irgendwann später dem Schelm die anderen Figuren des Theaterstücks beiseite stellen und so den Platz vor der Burg nach und nach mit einem Ensemble bestücken: Kaiser Barbarossa, das Kräuterweib Sybille und wie sie alle heißen. Was Schwital angeht, er könnte sich gut vorstellen noch weitere Plastiken zu entwerfen. "Wenn man mich fragt, mache ich das gerne wieder."

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