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Behinderte Der (Alb-)Traum von der gemeinsamen Wohnung

Zwei junge Frauen im Rollstuhl wollen zusammenziehen – doch der Gesetzgeber erschwert das.

Mit ihren derzeitigen Wohnsituationen in verschiedenen WGs sind Antonia Polic (links) und Amina Dornheim nicht zufrieden. Foto: Renate Hoyer

Die beiden Frauen sitzen am Küchentisch und erzählen ihre Geschichte. Zwei Stühle sind vom Tisch weggeschoben, denn Antonia Polic und Amina Dornheim sitzen im Rollstuhl. Das Lachen ist ihnen seit einiger Zeit vergangen, zumindest, wenn es um ihre Wohnsituation geht. Eigentlich wollen die 26-jährige Antonia und die drei Jahre jüngere Amina zusammenziehen. Und da das Geld, das beide in den Praunheimer Werkstätten verdienen, nicht reicht, um eine behindertengerechte Wohnung in Frankfurt zu finanzieren, wollen sie Wohngeld beantragen. 

Aber da macht ihnen der Gesetzgeber einen Strich durch die Rechnung. Seit acht Jahren lebt Antonia in einer Wohngemeinschaft im Frankfurter Ostend. Mit ihr leben noch drei ebenfalls behinderte Menschen in der Wohnung, die eine Vollzeitbetreuung brauchen. „Hier sind dann immer zu viele Helfer, das stört mich“, sagt die 26-jährige Frankfurterin. Hinzu kommt, dass sie sich nicht mit ihren Mitbewohnern unterhalten kann – einer möchte nicht und zwei können aufgrund ihrer Behinderung nicht. So sind die Tage in der WG doch recht langweilig.

Mit Amina wohnte Antonia bereit im Antonius-Haus zusammen. Dort sind beide zur Schule gegangen, nun arbeiten sie gemeinsam in den Werkstätten. Beide verstehen sich gut, die Chemie stimmt. Und Amina fühlt sich in ihrer jetzigen Bleibe in Bonames ebenfalls nicht wohl. „Es ist nicht das Tollste. Dort wohnen viele ältere Leute. Man ist als junger Mensch etwas allein“, berichtet die 23-Jährige. Hinzu kommt, dass Amina nur ein kleines Zimmer dort hat. Für Besuch ist dort im Grunde kein Platz.

Deswegen wollen beide zusammenziehen und träumen von einer Drei- oder optimalerweise Vier-Zimmer-Wohnung, die behindertengerecht ist und in der es ausreichend Abstellmöglichkeiten für Gehhilfen und Elektro-Rollstuhl gibt. Zwei schlechte Nachrichten gibt es da aber vom Frankfurter Amt für Wohnungswesen. Leiterin Waltraud Meier-Sienel erklärt: „Es gibt nicht sehr viele behindertengerechte Sozialwohnungen in Frankfurt.“ Hinzu komme, dass die Wohnung auch noch im Radius der Arbeitsstätte der beiden Frauen liegen muss, damit der Fahrdienst sie zur Arbeit bringt.

Die zweite Hiobsbotschaft ist noch unfassbarer als der Mangel an geeignetem Wohnraum. Da Amina und Antonia nicht viel verdienen, wollten sie sich gemeinsam wohnungssuchend für eine Sozialwohnung melden. Das ist allerdings nur möglich, wenn man laut Hessischem Wohnraumförderungsgesetz bereits eine Wohn- und Wirtschaftsgemeinschaft bildet – kurz gesagt: Um eine WG zu gründen, müssten beide bereits in einer WG leben.

Meier-Sienel erklärt es noch etwas genauer. Um den Aspekt der Wohngemeinschaft zu erfüllen, müssten beide für ein Jahr gemeinsam gewohnt haben. Die Wirtschaftsgemeinschaft ist gegeben, wenn beide ihr Geld in einen Topf werfen und daraus Miete und Co. bezahlen. Im Grunde müssten beide Frauen zunächst eine privat vermietete Wohnung beziehen, dort als WG leben und dann sozial geförderten Wohnraum beantragen. Durch ihr geringes Einkommen wird das aber quasi unmöglich.

Auch Christiane Dornheim, die Mutter von Amina, belastet die verfahrene Situation. „Alle reden immer von Integration und dann scheitert es an solchen Dingen“, sagt sie. Antonia stimmt zu: „Wenn man nicht behindert ist, ist es einfacher, etwas zu finden. Wir aber müssen uns quälen.“ 
Um ihre Situation darzustellen, wollten sie in der Bürgersprechstunde mit Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) reden. Sie hatten auch einen Termin, doch als die Absage vom Wohnungsamt kam, wurde auch ihre Bürgersprechstunde gecancelt.

„Wir wissen gar nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat“, sagt Amina rückblickend. Nun fragen sich beide, ob sich in der Politik überhaupt jemand für ihr Problem interessiert. Aufgeben wollen die beiden Frauen auf keinen Fall, auch wenn ihr Traum fast unmöglich erscheint.

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