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Bad Vilbel Geburtstagstorte und Sozialkritik für die Tafel

Die Tafel besteht seit zehn Jahren und die Zahl der Bedürftigen in der Stadt steigt. 54 ehrenamtliche Helfer engagieren sich derzeit.

Tafel Bad Vilbel
Dürfen sich auch mal selbst feiern, die fleißigen Helferinnen und Helfer der Bad Vilbeler Tafel, die seit 10 Jahren besteht. Foto: Rolf Oeser

Die mannshohen Kühlschränke füllten am Samstag keine Paletten mit Joghurt, Stapel mit Scheibenkäse oder Wurstaufschnitt, sondern große Torten nahmen den Platz ein, zum Teil fein dekoriert entsprechend dem Anlass. Die Tafel Bad Vilbel feierte in der Ausgabestelle in der Ritterstraße ihr zehnjähriges Bestehen. Rund 400 bedürftige Menschen, darunter einhundert Kinder, aus der Kernstadt und den Stadtteilen erhalten von der Tafel zusätzliche Lebensmittel. Anfangen hatte es mit 32 Bedürftigen.

Bezieher von Hartz-IV, Sozialhilfe, ältere Menschen mit schmaler Rente und Geflüchtete zählen zum Kundenkreis der Tafel. Gerade bei den Rentnern in der Stadt gäbe es mehr Bedürftige als derzeit kommen, sagte Tafel-Leiterin Christa Gobst. Bei vielen alten Leuten bestünden jedoch Hemmungen, Esswaren bei der Tafel zu holen. „Kein Kunde muss öffentlich auf der Straße warten. Jeder hat seine feste Abholzeit und kommt gleich dran“, sagte Gobst.

„Bei Urlauben in Norddeutschland habe ich die Tafel deckt“, sagt die Gründerin der Bad Vilbeler Einrichtung. Um die Tafel schnell und ohne personalaufwändige Vereinsstruktur auf die Beine zu stellen, begab man sich unter dem Dach des Vereins Nachbarschaftshilfe. Zudem schloss man sich dem Bundesverband der Tafeln an, zum einen um den Namen „Tafel“ nutzen zu können, zum anderen geben die meisten Lebensmittelmärkte nur an Tafel-Organisationen Waren kostenlos ab, so Gobst.

Mit 25 ehrenamtlichen Helfern startete Anfang September 2008 der Betrieb in der ehemaligen Werkstatt der Malerei Reichenthal. Der Besitzer kam am Samstag nicht nur mit einem Blumengruß zum Jubiläum. Norbert Reichenthal ließ zuvor auf eigene Kosten die Räume renovieren. „Die Stadt unterstützt uns mit einem großzügigen Mietzuschuss“, sagte Gobst.

Von Montag bis Mittwoch werden Supermärkte, Metzgereien und Bäckereien abgefahren und Lebensmittelspenden in den vom Lions Club gestifteten Lieferwagen geladen, sagt Renate Rieckmann, auch eine Frau der ersten Stunde. Mittwochsvormittags werden spendenbereite Bauernhöfe angesteuert, damit die Sachen von dort frisch am Nachmittag zur Ausgabe vorliegen. Es engagieren sich aber auch private Spender wie der Verein „Wir Massemer“, der Geld an die Tafel gibt, damit H-Milch gekauft werden kann, pro Jahr sind es mehr als 2500 Liter.

Laut Gobst sei schon spürbar, dass Märkte dazu übergegangen sein, Waren, deren Mindesthaltbarkeitsdatum bald erreicht ist, mit großem Rabatt noch an den Kunden im Laden zu bringen. Not herrscht nicht. „Wir werden mit Lebensmittelspenden noch ausreichend versorgt. Alle Abholer gehen mit gefüllten Taschen von uns“, sagte sie. „Wir sind aber kein 1:1-Versorger. Die Leute bekommen Geld, von dem sie leben können“, sagte Gobst. Sozialdezernentin Heike Freund-Hahn (FDP) unterstrich diese Funktion der Tafel. „Es ist eine hervorragende Einrichtung, die den Menschen vor allem jenen mit Kindern kleinen finanzielle Freiräume ermöglicht, für einen Kinobesuch oder ein Wochenende Campen“, sagte Freund-Hahn.

Jürgen Wiegand, Vorsitzender der Nachbarschaftshilfe wie auch Willi Schmid vom Landesverband der Hessischen Tafeln, gaben Kritikern Recht, die Jubiläen von Tafeln nicht als Grund zum Feiern sehen. Allerdings würde laut Wiegand ein Ende der Tafel die Zustände nicht ändern. Schmid verwies darauf, dass mit einem solchen Jubiläum überdies den engagierten Ehrenamtlichen gedankt werde.

Über die Jahre ist das Team um Gobst auf 54 Ehrenamtliche angewachsen. Zwei Drittel seien Frauen, die vor allem die das Aussortieren und die Ausgabe übernehmen, während die Männer die schwere Arbeit beim Einsammeln der Lebensmittelspenden erledigen. „Wir sind wie eine große Familie“, sagte Gobst. Die gute Stimmung im Bad Vilbeler Team springe auch auf die Kunden über, so Schmid. Freundlichkeit und Wertschätzung zu erfahren sei für die Abholer genauso wichtig wie Taschen mit Lebensmittel.

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