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Bad Soden Wütende Feuerwehr

Die Kritik an einem Rettungseinsatz in Bad Soden sorgt für einen Shistorm im sozialen Netzwerk Facebook. Und sie trifft die ehrenamtlichen Helfer in Mark. Denn sie sehen sich immer öfter unverhohlener Wut und Aggression von Bürgern ausgesetzt.

Bad Soden
Der Post eines Bad Sodener Feuerwehrmannes hat im sozialen Netzwerk Facebook jüngst für Riesenaufruhr gesorgt. Auslöser war ein Artikel im Lokalblatt. Foto: Renate Hoyer

Der Post eines Bad Sodener Feuerwehrmannes hat im sozialen Netzwerk Facebook jüngst für Riesenaufruhr gesorgt. „Nicht nur provozierend, sondern auch rotzfrech“ sei der Bericht im lokalen Blättchen über einen Rettungseinsatz im Seniorenstift Augustinum am Fastnachtssonntag, schrieb Dirk Stehning. „Das Ehrenamt wird mit Füßen getreten, die Arbeit der Retter in den Dreck gezogen.“

Der Herausgeber der Bad Sodener Zeitung, Heiko Hegner, hatte in seinem Artikel von einem „Riesenaufwand“ gesprochen, um einen Schwelbrand in der Altenwohnanlage zu löschen. 120 Helfer seien im Einsatz gewesen. Ergebnis: eine Schubkarre voll mit angesengten Büchern. „Außer Spesen nix gewesen“, schlussfolgerte der Journalist und stellte die provokante Frage: „Die Kosten trägt der Steuerzahler, oder?“

Binnen kürzester Zeit wurde Dirk Stehnings wütender Post, in den er auch den Artikel des lokalen Blättchens eingeklinkt hatte, Tausende Male geteilt und kommentiert. Der Tenor der Kommentarschreiber: Der Artikel sei ein Schlag ins Gesicht der ehrenamtlichen Helfer, die sich in ihrer Freizeit und unentgeltlich für die Allgemeinheit engagierten; der Journalist respektlos, unverschämt und offenbar komplett ahnungslos. Und nicht wenige wünschten dem Mann, dass, „wenn es bei Ihnen in der Redaktion brennt, die Feuerwehr nicht kommt, sondern erst mal die Kosten berechnet“.

In ganz Deutschland sei über den Bad Sodener Fall im Netz diskutiert worden, weiß Stadtbrandinspektor Nick-Oliver Kromer. Sogar bis ins Ausland schwappte die Wut der Kommentatoren. „Es gab auch Zuschriften aus Österreich.“ Überrascht hat Kromer das nicht. Rettungskräfte sähen sich in jüngster Zeit immer häufiger Angriffen von Bürgern ausgesetzt, würden an den Einsatzstellen beschimpft, angerempelt und angespuckt.

So genannte „Bordsteinkommandanten“, also Passanten, die alles besser wissen, habe es schon immer gegeben, sagt Kromer. „Aber diese Respektlosigkeit, die jetzt um sich greift, hat eine ganz andere Dimension.“ Und sie sei alles andere als harmlos. „Wenn Mülltonnen und Dixitoiletten vor Einsatzfahrzeuge geworfen werden oder sich Passanten Rettungskräften in den Weg stellen, um ein Handyvideo zu drehen, dann können Menschenleben in Gefahr sein.“

Die Einsatzlage am Fastnachtssonntag in Bad Soden beschreibt Nick-Oliver Kromer so: Gegen 16 Uhr sei in der zentralen Leitstelle des Main-Taunus-Kreises ein technischer Alarm eingegangen, der Rauch in einem Appartement im sechsten Stock des Augustinums meldete. Parallel dazu habe es mehrere Notrufe gegeben. „FY3“ habe daraufhin das Alarmstichwort gelautet: Brand im Gebäude, Menschenleben in Gefahr. Das Ausmaß des Brandes sei zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar gewesen. Das Hessische Brand- und Katastrophenschutzgesetz schreibe jedoch vor, dass entsprechend viele Einsatzkräfte ausrücken müssten. „Im Augustinum leben 420 Senioren, von denen viele nicht mobil sind, einige auch dement, da kann es schnell zur Katastrophe kommen“, weiß Kromer. Ein Dutzend Rettungsfahrzeuge seien deshalb vorsichtshalber am Gebäude aufgestellt worden. Die Feuerwehren kamen nicht nur aus Bad Soden, sondern auch aus den Nachbarkommunen, in Eschborn stand ein weiterer Trupp in Alarmbereitschaft.

„Als Laie macht man sich keine Vorstellung davon, wie komplex die Alarm- und Ausrückordnung ist“, sagt der Bad Sodener Bürgermeister Norbert Altenkamp (CDU), der oberster Dienstherr der Sodener Freiwilligen Feuerwehr ist. Auch er sei am Sonntag vor zwei Wochen zum Einsatzort gerufen worden, sagt Altenkamp. „Wir wussten ja alle nicht, was auf uns zukommt, ob wir vielleicht einen ganzen Gebäudeteil evakuieren müssen, weil die Rauchentwicklung zu groß ist.“

Dazu ist es glücklicherweise nicht gekommen. Die Feuerwehr konnte den Schwelbrand in einer Schrankwand rasch löschen. Niemand wurde verletzt. Die beiden Bewohner des Appartements waren zum Zeitpunkt, als das Feuer ausbrach, nicht zu Hause.

Ein No-Go

Diskussionen darüber, ob die offensichtlich geringe Ursache den Riesenaufwand an Rettungskräften rechtfertige, seien für ihn ein No-Go, sagt Nick-Oliver Kromer. „Man kann doch nicht Menschenleben gegen Steuergelder aufrechnen.“ Es sei genau andersherum: „Gerade weil sie Steuern zahlen, haben die Bürger Anspruch darauf, dass ihr Leben und ihr Hab und Gut gerettet und geschützt werden.“ Für die Einsatzkräfte sei es in jedem Fall nur schwer zu ertragen, wenn sie bei ihre Arbeit behindert und gar kritisiert würden. „Da kann ich gut verstehen, wenn vor allem Ehrenamtler auf die Barrikaden gehen“, sagt der Stadtbrandinspektor. Mit 140 Aktiven in drei Stadtteilfeuerwehren sei die Bad Sodener Wehr gut aufgestellt. „Aber wir brauchen jeden Einzelnen. Dass uns Leute wegbrechen, weil sie permanent von Bürgern angegriffen werden, können wir uns nicht leisten.“

Der Herausgeber der Bad Sodener Zeitung, der nach eigenen Angaben massenweise „bösartige Kommentare und auswärtige E-Mails“ bekommen hat, ist mittlerweile bemüht, die Wogen zu glätten. Er habe in dem Artikel sein Bedauern zu Ausdruck bringen wollen, dass die vielen ehrenamtlichen Helfer ihren Sonntagnachmittag für einen Schwelbrand opfern mussten, schreibt Heiko Hegner in der jüngsten Ausgabe des Blättchens. Und fügt hinzu: „Ihr macht einen Super-Job, das ist wichtig und anerkennenswert.“

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