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Bad Homburg Rätsel um Niederstedten

Lokalhistoriker Wolfgang Bühnemann ist den Spuren des verschwundenen Dorfes gefolgt.

Kirchhofslinde
Was übrig ist: Wolfgang Bühnemann vor der uralten Kirchhofslinde von Niederstedten. renate hoyer Foto: Renate Hoyer

Noch immer in Gebrauch ist der Gemarkungsname „Niederstedter Feld“, ein „Niederstedter Weg“ erstreckt sich zwischen Zeppelin- und Urseler Straße. Auch existiert vor den Toren Oberursels das Dorf Oberstedten. Sein Gegenstück aber fehlt: Wo ist es, das geheimnisvolle Niederstedten? – Ein Vortrag am 17. Oktober wird Auskunft geben, den Weg weisen in eine Zeit, als der Ort ein bedeutender im vorderen Taunusgebiet war.

Wolfgang Bühnemann ist der Mann, der sich zehn Jahre lang ins Thema eingegraben und durch Akten, Urkunden, Chroniken, Kartendarstellungen gekämpft hat. „Es hat mich nicht losgelassen“, sagt der 85-jährige Bad Homburger. In historischen Beschreibungen würden die Namen von Mittel- und Niederstedten immer wieder auftauchen. Zwei Siedlungen, die einst wüst gefallen und mittlerweile aus der Landschaft verschwunden sind.

Die Spurensuche nach dem am Dornbach gelegenen Dorf passt vortrefflich zu den seit 1998 geleisteten Forschungen des Lokalhistorikers. Beiträge, die in den Jahrbüchern des Hochtaunuskreises und des Homburger Stadtarchivs ebenso nachzulesen sind wie in „Unser Homburg“ oder den Heften des Geschichtskreises Dornholzhausen, seines Heimatvereins. Da geraten die landgräfliche Meierei und der Marstall des Schlosses in den Blick, tritt die Vaterländische Frauenvereinigung aus dem Dunkel der Vergangenheit. Die Gänge des „Feld- oder Flurschütz“ hat Wolfgang Bühnemann im 2018er-Hochtaunus-Jahrbuch begleitet. Unverkennbar ist die Agrarhistorie sein Themenfeld – „ein Bereich, zu dem lokal nur wenig geforscht wird“.

Hier spricht ein gelernter und schließlich promovierter Landwirt, dessen Kindheitsheimat die mitteldeutsche Stadt Halle war. Nach der Flucht ins Nordhessische arbeitete Bühnemann als Knecht in verschiedenen bäuerlichen Betrieben, absolvierte auf dem zweiten Bildungsweg ein Studium in Witzenhausen. Später hat er als Landmaschinenschlosser und Diplomlandwirt sein Brot verdient. 1960 wird die Kurstadt am Taunushang zum Arbeits- und Lebensort: Eingetreten bei der „Gesellschaft zur Förderung der inneren Kolonisation“ berät er deutschlandweit Bauernfamilien, die mit ihren Höfen aussiedeln wollen.

Größe des alten Niederstedter Guts überrascht

Weil der Landwirt-Akademiker nebenbei für die Birger-Forell-Stiftung geschäftsführend tätig ist, schreibt er deren Geschichte in einem Buch nieder. Und weil das Interesse an historischen Entwicklungslinien nicht verebbt, geht es weiter. Das Homburger Stadtarchiv bürgt fortan für Funde und Erkenntnisse.

Nach Niederstedten führen unter anderem ein „Gerichts-Protokoll-Buch“ von 1755 oder das „Flurbuch“ (1783). Wichtige Hinweise liefert das „Saalbuch“ aus dem 16. Jahrhundert. Wann der Ort aufgegeben wurde, bleibt ein Rätsel. „Die Historiker jonglieren mit zehn verschiedenen Datierungen zwischen 1349 und 1635.“

Die Größe des alten Niederstedter Guts überrascht: Ein Terrain, das heute mit Gewerbegebiet, Krankenhaus, Kronenhof und Tierfriedhof bestückt ist. Die Bauern des zugehörigen Dorfes waren Leibeigene des Homburger Burgherren Brendel – „ihr Nider Stedten ist jedenfalls nicht im Schmalkaldischen Krieg untergegangen“. Verbliebene Künderin ist die seit mehr als einem halben Jahrtausend wachende Kirchhof-Linde in ihrer zähen Gebrechlichkeit. So lange die grünende und langsam sterbende Tilia cordata im Niemandsland nahe des Dornbachs aushält, lebt die Erinnerung an „nydir Stedten“.

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