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Bad Homburg Lob für einen Lausbubenstreich

Daniel Kehlmann erhält den Friedrich-Hölderlin-Preis. Der Förderpreis geht an Alina Herbing.

Daniel Kehlmann
Die Jury würdigt Kehlmanns komplexe literarische Poetik. Foto: Monika Müller

Trostlos leere Landschaften, ausufernde Dorffest-Besäufnisse, ein zerhäckseltes Rehkitz und allerlei weitere Tierkadaver; dazu noch der allgegenwärtige Güllegestank: Idylle schaut anders aus. Und genau darum dreht sich Alina Herbings (Bild) Debütroman „Niemand ist bei den Kälbern“, für den die 34-Jährige den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis der Stadt Bad Homburg erhalten hat.

Das Buch führe „mitten in eine Anti-Idylle, die weit entfernt ist von dem, was uns die Hochglanzzeitschriften über die Freuden des Landlebens suggerieren“, sagt Sabine Doering vom Vorstand der Hölderlin-Gesellschaft in ihrer Laudatio auf die Jungautorin.

Alina Herbing weiß wohl, wovon sie schreibt, ist sie doch selbst aufgewachsen in einem 30-Seelen-Kaff in Mecklenburg. Davon allerdings berichtet sie dem Publikum in der Schlosskirche am Sonntag nichts weiter, in ihrer Dankesrede sinniert sie vielmehr darüber, wie sie im Studium zum Schreiben kam, wie ein Professor ihr die Lyrik näherbrachte – und was das alles mit Hölderlin zu tun hat. „Auch wenn wahrscheinlich nicht alles auf Hölderlin zurückzuführen ist, die Anfänge meines Schreibens sind eng an ihn gebunden, durch den Preis nun noch einmal mehr.“

 

Der eigentliche Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg, den Oberbürgermeister Alexander Hetjes (CDU) einen „der bedeutendsten Preise für Literatur in Deutschland“ nennt, geht in diesem Jahr an Daniel Kehlmann, der mit „Die Vermessung der Welt“ einen der erfolgreichsten deutschen Nachkriegsromane vorgelegt hat. Sein jüngstes, 2017 erschienenes Werk „Tyll“ versetzt die legendäre Narrenfigur des Till Eulenspiegel aus dem 14. Jahrhundert in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges.

Von einem „Lausbubenstreich“ spricht Eva Menasse, die Hölderlin-Preisträgerin des Vorjahres, in ihrer Laudatio auf Daniel Kehlmann. Die Frage „Darf man denn das?“ bejaht sie gleich selbst, „weil der böse Narr in die Zeit des hemmungslosen Abschlachtens so gut passt, besser noch als in das auch nicht gerade gemütliche, von Pestwellen und Judenpogromen erschütterte 14. Jahrhundert“. Kehlmann habe das „überzeitliche Potential des bösen Kommentators Eulenspiegel“ entdeckt, so wie er überhaupt „riesige Reservoire von Wissen“ in sich trage – sei es nun zu Kant, Buddhismus, Quantenphysik oder „Herr der Ringe“. Manchmal, sagt Menasse, komme er ihr vor wie ein „kariertes Multicolor-Zebra“, dabei sei er doch „ein ganz normaler, netter Kerl“.

Mit Hölderlin kennt sich Kehlmann jedenfalls auch aus - obwohl er ihn nie recht verstanden habe, wie er einräumt. Er sei der unromantischste Autor der romantischen Epoche gewesen, Freund der Widersprüche, beseelt von einem dialektischen Geist, der stets bestrebt war, beide Seiten zu beleuchten - und schließlich dem Wahnsinn anheim gefallen sein soll.

„Ich werde nicht wagen, dieser alten Diskussion eine These hinzuzufügen, nicht einmal eine Vermutung traue ich mir zu“, sagt Daniel  Kehlmann und dankt der Stadt Bad Homburg, „dass sie jedes Jahr einen von uns auf die freundlichste nur mögliche Art zwingt, den unvergleichlichen Sprachschöpfer Hölderlin zu lesen - bewundernd, bewegt, erschüttert, ratlos“.

Kalenderblätter ließen sich mit Hölderlin nicht bedrucken, doch sein Beispiel rufe auf zur Ordnung: „Es macht demütig, es nordet einen ein.“

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