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Bad Homburg Hölderlins Apotheke

Vom Alchimisten zum Automaten: Die Hof-Apotheke in Bad Homburg besteht seit 300 Jahren.

Die Louisenstraße 55 war nicht immer der Standort der 300 Jahre alten Apotheke. Foto: Rolf Oeser

Noch immer kümmert sich das Fachpersonal der Hof-Apotheke um die Qualität des Bad Homburger Heilwassers. Immerhin neun Brunnen sind zu kontrollieren. So wie seit langer Zeit. Auch wird hier die auf Basis heimischen Solesprudels gewonnene „Crème de Louise“ kreiert. Verantwortungsvolle Aufgaben, die zugleich hinweisen auf die enge Verbundenheit mit dem örtlichen Kurwesen.

Wer die hellen, funktional gestalteten Geschäftsräume der Louisenstraße 55 aufsucht, begibt sich in traditionsreiche Gefilde. Auf die immerhin 300-jährige Geschichte der Apotheke weist augenscheinlich jedoch kaum noch etwas hin. „Von der alten Möblierung hat sich nichts mehr erhalten“, sagt Doris Schartmann, die den am Waisenhausplatz gelegenen Betrieb im Jahre 2007 übernommen hat.

Ein Vorbesitzer hat dem Müll überantwortet, was der Offizin vormals ihr Gepräge gab. Allenfalls das Duplikat eines historischen Schildes – „Hoch-Fürstliche Hessen-Homburgische Privilechirte Hof-, Stadt- undt Landt-Apothecke“ – ist Zeugnis der zurückgelegten Zeitstrecke.

Überlieferung indes spricht, wo Haus und Offizin schweigen. Der sich mit automatenhafter Eleganz durch das 25 000 Artikel versammelnde Regallager bewegende Roboterarm zeugt von einem durchtechnisierten Heute – die Ausstattung der Hof-Apotheke, das steht außer Zweifel, ist auf zeitgemäßem Stand.

Aktuell macht Kopfzerbrechen, an was in Gründungstagen nicht zu denken war. Ausländische Versandapotheken, Online-Handel und ein jüngst erlassenes EU-Gerichtsurteil zur Preisbindung sind Stichwörter, die eine ganze Branche herausfordern. Mit was lässt sich punkten in unsicheren Tagen? „Unsere Stärken“, so Apothekerin Schartmann, „sind freundliche Beratung, umfangreicher Bestand und schnelle Bereitstellung.“

Dass es in der städtischen Nachbarschaft 17 weitere Apotheken gibt, wird keineswegs negativ bewertet. „Bad Homburg ist eine Kreisstadt mit vielen Arztpraxen und einem weiten Einzugsgebiet.“ Kundschaft gebe es genug.

Die eigene aber ist ein fester Stamm und honoriert die hier ausgeübte Kunst der Heilmittelherstellung. „Pro Jahr stellen wir 3000 Kapseln, Salben und Augentropfen in unserer Rezeptur her.“ Dies auch eine Fertigkeit, die auf die Anfänge vor drei Jahrhunderten verweist. Damals wurde der erste Hof-Apotheker Zacharias Müller verpflichtet, „aus guten und frischen Substanzen tüchtige Artzneyen“ anzufertigen. Überhaupt bietet der Blick in die Historie des zuerst in der Dorotheenstraße 10 angesiedelten Hauses ein Füllhorn an Begebenheiten und Anekdoten.

Über einen langen Zeitraum gab es in Homburg nur die Hof-Apotheke – auch „Zum Schwanen“ genannt – und die Offizin des noch früher gegründeten „Engel“. Es war nicht immer ein gedeihliches Nebeneinander. Dass Müller zu den Alchimisten am Landgrafenhof gerechnet werden kann, macht Barbara Dölemeyer in der neuen Broschüre des örtlichen Geschichtsvereins deutlich: das Medizinalwesen des 18. Jahrhunderts als politisch brisantes Berufsfeld. An Berühmtheiten ist kein Mangel. So sucht der unglückliche Dichter Hölderlin den Müller-Nachfahren Georg Friedrich Karl auf, um sich mit einem Gutachten gegen drohende Verhaftung zu wappnen. „Dass sein Wahnsinn in Raserey übergegangen ist“, konstatiert der brave Mann im April 1805.

Ebenfalls ein eigenwilliger Fall ist Kaiser Wilhelm II., der im folgenden Jahrhundert seine Schritte zur Hof-Apotheke – mittlerweile in der Louisenstraße 55 zu finden – lenkt. Inhaber Adolf Rüdiger gilt als guter Freund des Monarchen, versorgt zudem die kaiserliche Familie mit den nötigen Mitteln.

Das Haus, in dem zeitweilig auch Dampf- und Heilbäder verabreicht sowie die bekannten Marken „Treupel“ und „Kamillosan“ erdacht wurden, ist längst aus dem Stadtbild verschwunden.

1971 wird die attraktive Innenstadtimmobilie an eine Grundstücksgesellschaft veräußert, zwölf Jahre später erfolgt der Abriss des gesamten Eckkomplexes. Nach dem Bau eines „historisch getreuen“ Ebenbildes durfte die ehrwürdige Hof-Apotheke wieder an den alten Standort zurückkehren.

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