Lade Inhalte...

Ausbildung in Hessen „Ich wollte alles hinschmeißen“

Unklare Regeln und eine seltsame Prüfung werfen einen Lehrling fast aus der Bahn. Das Problem: Der Rahmen der der Gesellenprüfungen ist zwar geregelt, nicht aber deren detaillierte Durchführung.

Für einen sauberen Ablauf sorgt der Sanitärfachmann. Foto: Imago

Steffen Florschütz ist begeistert von seinem Beruf. Sanitär-, Heizungsbau- und Klimatechniker will der 20-Jährige werden. Das wollen nicht eben viele junge Leute, die Betriebe suchen händeringend qualifizierten Nachwuchs. Nun wäre ihnen fast auch noch Steffen Florschütz verloren gegangen. Und das wegen einer Prüfung, die offenbar recht seltsam verlief.

„Ich war furchtbar frustriert, wollte alles hinschmeißen“, erzählt er. Steffen war durch die Prüfung gerasselt. Knapp zwar, aber eben durchgefallen. Dabei hätte das gar nicht so kommen müssen. Denn er war gut vorbereitet. „Wir hatten mit ihm wochenlang geübt, ihm alle möglichen Fragen gestellt, die drankommen konnten, richtig hartes Training war das“, erzählt sein Vater Stefan Florschütz. Bloß: Diese Fragen kamen gar nicht dran.

Denn obwohl Steffen ausdrücklich zu einer mündlichen Prüfung eingeladen war, habe er tatsächlich eine schriftliche Prüfung ablegen müssen, wie er berichtet. „Mit einem Tabellenbuch, das ich mir ausleihen musste, und einem ebenfalls geliehenen Taschenrechner“, sagt er.

Statt beispielsweise zu erklären, wozu die Trinkwasserverordnung gut ist oder wie man einen Rückflussverhinderer wartet, musste er ausrechnen, wie lange es dauert, einen Wasserspeicher von 15 auf 60 Grad zu erhitzen und eine Badewanne mit einem Dreiviertel-Zoll-Rohr volllaufen zu lassen. Dinge, die er eigentlich kann. „Wenn ich nicht so überrumpelt gewesen wäre, hätte ich das hingekriegt“, sagt er. Doch jetzt haben ihm am Ende gerade einmal 1,5 Punkte gefehlt, um zu bestehen.

Steffen hat bei der Handwerkskammer Wiesbaden, wo er geprüft wurde, Widerspruch eingelegt. „Ich bin richtig sauer und fühle mich hereingelegt, das war einfach unfair“, sagt er.

Ein Dilemma

„Wir haben den Widerspruch erhalten“, bestätigt Kammersprecher Marco Menze auf Anfrage. Der liege jetzt dem Prüfungsausschuss vor. Entschieden sei bislang nichts, so Menze. Inhaltlich wollte er zu dem Widerspruch keine Stellung nehmen. Zunächst einmal wolle man mit Steffen einen Termin vereinbaren, bei dem dieser die Prüfungsprotokolle einsehen dürfe. Dann werde man weitersehen.

Sibylle Schwarz, Rechtsanwältin in Wiesbaden, steht Steffen Florschütz rechtlich bei. Auch sie hält die Prüfung, so wie sie abgelaufen sein soll, für unfair. Dabei unterstellt sie den Prüfern nicht einmal bösen Willen. „Aber in den Prüfungsordnungen ist unglaublich viel sehr unklar geregelt; da kann den Prüfern, die ja alle ehrenamtlich arbeiten, schon mal schnell ein Fehler unterlaufen.“ Wie etwa der, aus einer mündlichen eine schriftliche Prüfung zu machen. Noch nicht einmal die Dauer der Prüfung sei in der Wiesbadener Verordnung festgelegt, sagt Schwarz.

Eine Anfrage beim Bundeswirtschaftsministerium macht das Dilemma deutlich. Man regele, heißt es von dort, als Verordnungsgeber zwar den Rahmen von Gesellen- und Abschlussprüfungen, aber nicht deren detaillierte Durchführung. Das sei Sache der jeweiligen Kammern. „Ich halte das für sehr unbefriedigend“, sagt Schwarz. Eine mündliche Prüfung könne somit in Hamburg zehn Minuten dauern, in München hingegen eine halbe Stunde. „Dabei handelt sich aber doch um einen bundesweit einheitlichen Ausbildungsberuf“, sagt die Anwältin.

Seit Montag dieser Woche besucht Steffen wieder die Berufsschule und arbeitet drei Tage die Woche in seinem Ausbildungsbetrieb. Er hätte wohl längst hingeschmissen, wenn ihm nicht seine Familie so gut zugeredet hätte. Immerhin hat Vater Florschütz selbst einen Sanitärbetrieb, die Begeisterung für den Beruf liegt also in der Familie. „Andere haben diese Unterstützung nicht“, sagt Schwarz. „Da ist dann schnell Schluss mit dem Weitermachen.“

Die nächste Chance, seine Prüfung abzulegen, bekommt Steffen im Frühsommer. Es sei denn, sein Widerspruch findet bei der Handwerkskammer doch noch Gehör. Bestanden hätte er dann zwar immer noch nicht. Immerhin aber dürfte er ein paar Wochen früher die Prüfung wiederholen. Und – wenn er besteht – endlich als Geselle in seinem Traumberuf arbeiten.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum