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Attentat vor 15 Jahren Psychisch Kranke wirft Handgranaten

Frankfurt-Sindlingen am Heiligabend 1996: Bei einem Anschlag in der evangelischen Kirche sterben drei Menschen, viele Gottesdienstbesucher werden verletzt. Noch heute wirkt die Bluttat nach.

21.12.2011 11:02
Beamte des Landeskriminalamtes sichern am frühen Morgen des 25. Dezember 1996 in der evangelischen Kirche im Frankfurter Stadtteil Sindlingen die Spuren der Explosion. Foto: dpa

Zu dem Handgranaten-Anschlag in der Christmette vor 15 Jahren will Pfarrer Ulrich Vorländer am liebsten gar nichts mehr sagen. Er werde am 24. Dezember nicht an den Selbstmord erinnern, bei dem eine psychisch kranke Attentäterin in der evangelischen Kirche in Frankfurt-Sindlingen zwei andere Frauen mit in den Tod riss und 13 Gottesdienstbesucher verletzte - 10 von ihnen schwer. „Mir geht es um die Menschen. Und die haben daran kein Interesse“, begründet dies Vorländer.

Der Stadtverordnete Sieghard Pawlik, der damals mit seiner Frau in der Messe war, erklärt das so: „15 Jahre sind eine lange Zeit.“ Die meisten Menschen in dem Stadtteil hätten wohl kein Interesse mehr, an die schrecklichen Ereignisse der Heilligen Nacht 1996 erinnert zu werden. „Das ist kein zentrales Thema und auch gut so“, sagt der SPD-Politiker. „Man kann sich nicht ständig mit dem konfrontieren, dem man unbewusst jeden Tag ausgesetzt ist. Ich glaube nicht, dass das Menschen stabilisiert.“

Bilder haben sich eingegraben

„Für die Betroffenen wird es aber natürlich immer ein Thema sein. Für die, die körperlichen und psychischen Schaden genommen hatten“, betont Pawlik. Er selbst müsse bis heute immer wieder daran denken, „an welchen Zufällen Leben und Gesundheit hängen können“, sagt der 70-Jährige. Denn er saß mit seiner Frau ganz vorne in der Kirche, die Attentäterin ganz hinten. Die Bilder von damals „graben sich schon ein“, sagt Pawlik, der ab und zu mit dem ein oder anderen in Sindlingen über das schreckliche Erlebnis spricht.

Als die Gemeinde um 23.15 Uhr das Lied „Es ist ein Ros' entsprungen“ anstimmte, explodierten die zwei Handgranaten osteuropäischer Bauart. Die 49 Jahre alte Attentäterin trug sie - in der mit 70 Menschen gut gefüllten Kirche - am Körper und unterschätzte nach Auffassung der Polizei die Sprengkraft völlig. Die 49-Jährige und zwei Schwestern (59, 61) neben ihr wurden förmlich in Stücke gerissen. Unter den zehn Schwerverletzten waren auch ein zwölfjähriges Mädchen und seine 44 Jahre alte Mutter.

Auch der Sohn wählte den Freitod

Die Attentäterin, so stellte sich schnell heraus, hatte früher in dem Stadtteil gewohnt und lebte seit etwa einem Jahr von ihrem Mann und der neun Jahre alten Tochter getrennt in der Nähe von Usingen im Taunus. Sie war seit längerer Zeit in psychiatrischer Behandlung. Psychische Probleme und der sieben Jahre zurückliegende Freitod ihres Sohnes waren vermutlich Auslöser der Verzweiflungstat.

Für den damaligen Gemeindepfarrer, Dekan Hans Blum, war es der vorletzte Gottesdienst gewesen. Sein Abschiedsgottesdienst am Sonntag nach Weihnachten 1996 wurde zu einer Gedenkfeier für die Opfer, rund 850 Menschen kamen zu der Trauerandacht. Vorländers offizielle Einführung als Gemeindepfarrer im Stadtteil - rund neun Monate später - war zugleich der erste Gottesdienst in der renovierten Kirche nach der Bluttat. Damals gedachten etwa 200 Menschen der schrecklichen Geschehnisse. „Ich - und das sage ich auch im Namen meiner Frau - möchte mit Ihnen gemeinsam nicht nur die schrecklichen Bilder betrachten, die Sindlingen vor neun Monaten geprägt haben, sondern auch die, die uns Gottes heilende Gegenwart vor Augen führen“, hatte Vorländer damals gesagt. (dpa)

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