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Asylverfahren „Wie ein Viehauftrieb“

Im Asylverfahren brauchen Geflüchtete viel Geduld. Im Anhörungszentrum in Offenbach warten Flüchtlinge viele Stunden darauf, die Gründe ihrer Flucht darzulegen.

Vor dem temporären Anhörungszentrum in Offenbach warten Geflüchtete auf ihre Anhörung. Foto: Rolf Oeser

Gewartet haben Sabira und Attaul Manan ohnehin schon lange. Vor rund zwei Jahren seien sie aus Pakistan gekommen, sagen die 35-Jährige und ihr 40-jähriger Mann. An diesem Septembermorgen sollen sie in Offenbach endlich erzählen dürfen, warum sie mit ihren Kindern nach Deutschland geflohen sind. Aber wieder müssen sie warten. Für acht Uhr seien sie vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) zur Anhörung geladen worden. Jetzt ist es halb zehn, und wann sie zu ihren Fluchtgründen befragt werden, ist unklar. Ein Wachmann sagt: „Manche warten bis 20 Uhr.“

„Familien sollten nicht so lange warten müssen, sie wissen doch, dass wir fünf Kinder haben“, sagt Sabira Manan, das jüngste sei erst fünf Monate alt. Sie habe es morgens bei Angehörigen untergebracht, in der Annahme, bald zurück zu sein. Attaul Manans Schwester Erum Sharif, die in Offenbach aufgewachsen ist und ihre Familie begleitet, wundert sich: „Man kann hier keine Nummer ziehen, es gibt keinen Bildschirm oder eine Ansage, wann wer drankommt.“

Auch der 27-jährige Somalier Mohamed Ahmed Hassan, der um sechs Uhr losgefahren ist, um einen Bekannten aus dem Landkreis Gießen zur Anhörung zu begleiten sagt: „Das System hier habe ich noch nicht verstanden.“

An diesem Vormittag sind die Warteräume im Erdgeschoss des einstigen Areva-Bürogebäudes am Kaiserlei voll bis auf den letzten Stuhl. Den ganzen Gang im Erdgeschoss entlang sitzen Wartende, in angrenzenden Zimmern reihen sich Asylsuchende dicht an dicht an der Wand. Rund ein Dutzend Menschen hat das Gebäude wieder verlassen und hockt draußen vor der Tür auf den Stufen. „Wo kann ich hier Wasser kaufen?“, fragt ein junger Mann.

„Das ist wie ein Viehauftrieb, die Leute wissen gar nicht, was mit ihnen passiert“, sagt Rechtsanwältin Antje Becker, die erst unlängst Mandanten zur Anhörung begleitete und dabei auch eine Hochschwangere unter den mehr als 100 Wartenden beobachtete. Solche Zustände habe sie an anderen Bamf-Standorten noch nie erlebt. „Es gibt nichts zu essen und zu trinken, und niemand traut sich wegzugehen, weil unklar ist, wer wann an der Reihe ist.“ Anwälte säßen teilweise sechs Stunden lang mit ihren Mandanten im Warteraum, berichtet Becker.

Außerdem gebe es nicht genügend Dolmetscher, etwa für die in Eritrea gesprochene Sprache Tigrinya, sodass manche Asylsuchende nach langer Wartezeit unverrichteter Dinge wieder fortgeschickt würden. „Es gibt auch keine Sonderbeauftragten für besonders schutzbedürftige Gruppen wie Minderjährige oder geschlechtsspezifisch Verfolgte“, kritisiert Becker, die vor Ort eine Gruppe Teenager traf, die morgens um fünf aus Nordhessen aufgebrochen war, um pünktlich um acht Uhr in Offenbach zu sein.

Auf der Homepage und in Presseunterlagen des Bamf ist der Ende Juli eröffnete Standort in Offenbach gar nicht offiziell gelistet. Dort sind lediglich das Ankunftszentrum in Gießen und die Bamf-Außenstellen in Büdingen, Neustadt und am Frankfurter Flughafen aufgeführt. „Der Standort Offenbach ist ein Anhörungszentrum, welches wir sehr befristet betreiben“, erläutert eine Bamf-Sprecherin. Es sei „primär für die gesamte Abarbeitung der anhängigen Verfahren“ in Hessen zuständig, also für jene Menschen, „die in der Vergangenheit in der Außenstelle Gießen einen Asylantrag gestellt haben und noch auf ihren Anhörungstermin warten“.

154 Mitarbeiter seien aktuell in Offenbach tätig, bis Anfang Oktober sollen es bis zu 215 sein. Sonderbeauftragte für besonders schutzbedürftige Gruppen seien nicht darunter, da entsprechend komplexe Verfahren nur in offiziellen Bamf-Außenstellen durchgeführt würden. Die Zahl der geladenen Asylsuchenden und der Dolmetscher sei „abhängig von der Anzahl der anwesenden Anhörer. Da die Ladung der Antragsteller erst nach Buchung der Dolmetscher erfolgt, sind in der Regel auch genügend Dolmetscher vor Ort“, so dass in der Regel alle Geladenen gehört werden könnten.

Ladungen zu festen Uhrzeiten hätten sich nicht bewährt, weil „viele Antragsteller nicht zu der geladenen Uhrzeit erschienen sind“ und Leerläufe entstanden seien, so die Sprecherin. Deshalb würden nun, von Ausnahmen abgesehen, alle für acht Uhr einbestellt. Den Wartenden werde Wasser angeboten. „Familien mit Kindern, Schwangere, Kranke und Antragsteller, die mit Rechtsanwalt erscheinen“, würden vorrangig aufgerufen.

Die Familie Attaul und die Somalier aus Mittelhessen werden am Ende bis in den Nachmittag hinein gewartet haben, berichten sie der FR telefonisch. „Mein Bruder ist gerade in der Anhörung“, sagt Erum Sharif gegen 16 Uhr. „Seine Frau wartet noch immer.“

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