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Asylbewerber Medizinische Hilfe für Flüchtlinge

Studenten vermitteln bei „Medinetz Mainz“ Flüchtlinge und Unversicherte an Ärzte. Sie werden dabei mit erschütternden Einzelfällen konfrontiert. So treffen sie auf Hilfesuchende, die schwere Folternarben haben oder an Krebs leiden.

Manche Patienten werden in einer Ambulanz behandelt. Foto: © epd-bild / Anke Kristina Sch?

Der junge Mann aus Somalia, nennen wir ihn Ahmed H., hatte schwere Folternarben, als er nach Deutschland kam und um Asyl ersuchte. Seine Wunden am Bauch waren nicht richtig verheilt und schmerzten. Eine Operation war jedoch zu teuer – zu teuer für einen Patienten, der dem bisweilen restriktiv ausgelegten Behandlungskatalog des Asylbewerber-Leistungsgesetzes unterliegt.

Dass Ahmed H. doch operiert wurde, ist Studenten und anderen Ehrenamtlichen zu verdanken, die sich in ihrer Freizeit bei der medizinischen Vermittlungsstelle Medinetz Mainz engagieren. Sie machten eine Ärztin aus, die Ahmed H. schließlich kostenlos operierte. Die Dolmetscher- und Fahrtkosten übernahm der Verein – seit gut einem Jahr ist der Alltag des jungen Mannes nun nicht mehr von Schmerzen geprägt.

Etwa 30 Menschen – vor allem Medizinstudenten – sind bei der Vermittlungsstelle aktiv. Jeden Montag bieten sie eine offene Sprechstunde an, in der Menschen ihre Beschwerden schildern können. Anschließend werden gemeinsam die Fälle besprochen und Fragen folgender Art geklärt: Wer unterstützt den Patienten beim Behördengang? Wer besorgt einen Termin beim Gastroenterologen? Wer kümmert sich um einen Dolmetscher für Farsi? Und welche Wege können in einem besonders komplizierten Fall noch beschritten werden?

148 Menschen wurde 2014 so geholfen – Tendenz steigend. Auch viele EU-Bürger ohne Krankenversicherung sind dabei. Und Menschen ohne Papiere, die behandelt werden müssen, ohne dass eine öffentliche Stelle davon erfährt. Das Spektrum der Konsultationsgründe reicht von Schwangerschaft über Zahnprobleme bis hin zu Krebserkrankungen. Verstärkt suchen in letzter Zeit Menschen mit Traumata die Vermittlungsstelle auf.

„Ich finde, dass wir den Leuten, die nicht so viel Glück haben wie wir in Deutschland, etwas abgeben sollten“, erklärt Lisa Gruß, warum sie sich bei Medinetz Mainz engagiert. Die 25-Jährige studiert Unternehmenskommunikation und kümmert sich mit ihrer Kommilitonin Stella Loock um die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins. „Ich war sofort begeistert von dem Konzept“, sagt Gruß. Neue Mitglieder können sich direkt mit ihren Fähigkeiten einbringen und Erfahrene bei der Vermittlung eines Patienten unterstützen. Gut könnte man noch Jurastudenten gebrauchen, die sich mit der komplizierten rechtlichen Anspruchslage auf medizinische Versorgung auseinandersetzen.

„Etwas abgeben“ – das heißt bei Medinetz vor allem: Zeit investieren. „Die Leute hier sind sehr engagiert und stellen im Zweifel vieles für die Arbeit bei Medinetz zurück“, sagt Loock. Telefonate in der Nacht seien zwar die Ausnahme – einen Patienten ohne ausreichenden Versicherungsschutz erfolgreich zur Behandlung an Mediziner zu vermitteln sei bisweilen aber ein „riesiger organisatorischer Aufwand“. In manchen Fällen wird sogar ein Anwalt eingeschaltet, um die Übernahme von Behandlungskosten durch Sozialamt oder Jobcenter rechtlich zu erstreiten. Trotz herber Rückschläge und Ungerechtigkeiten sei die Arbeit aber eine „große persönliche Bereicherung“. Man wisse abends, was man geschafft habe.

Medinetz Mainz wurde 2006 gegründet; in Gießen wurde im selben Jahr eine ähnliche Vermittlungsstelle eingerichtet – deutschlandweit sind es mittlerweile über 30. In Mainz ist es gelungen, ein großes Netz an hilfsbereiten Ärzten aufzubauen und einen Pool an Dolmetschern, auf den man zurückgreifen kann. Seit zwei Jahren können Patienten zudem direkt zur Poliklinik des Vereins „Armut und Gesundheit“ geschickt werden, wo ein Team ehrenamtlicher Ärzte Un- oder nicht ausreichend Versicherte behandelt. „Dass es die Ambulanz gibt, ist für uns eine wahnsinnige Erleichterung“, sagt Gruß. Geld sammelt Medinetz mittels Benefizaktionen und über Spenden.

Trotz aller Erfolge ist die Erschütterung darüber, dass im reichen Deutschland bei der Gesundheitsversorgung so viele durchs Netz fallen, ständig präsent. „Am liebsten würden wir uns abschaffen“, sagt Lisa Gruß. Denn die Versorgung sollte „über die Politik geregelt werden und nicht über ehrenamtliche Strukturen“. Zur Untermauerung dieser Forderung erzählt Gruß von einer Frau, die so viele Zysten im Unterleib hatte, dass sie kein Wasser mehr lassen konnte. Weil kein Kostenträger in ihren Krankendokumenten eingetragen war, sollte ihr nur ein Katheter gelegt werden. Auch in diesem Fall sorgten „Medinetzler“ dafür, dass die Frau operiert wurde – und wieder normal auf die Toilette gehen kann.

Mehr Informationen gibt es im Internet auf www.medinetzmainz.de und www.armut-gesundheit.de sowie auf Facebook. Spendenkonten und Kontaktdaten sind dort aufgeführt.

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