Lade Inhalte...

Arzneimitteltests in Hessen Endlich an die Öffentlichkeit

Ex-Heimkinder fordern im Landtag den Schutz vor einer Medikamentengabe und eine Aufklärung über frühere Tests.

Pillen
Arzneimittel (Symbolfoto). Foto: imago stock&people

Nach zweieinhalb Stunden Anhörung im Landtag kamen am Donnerstagnachmittag die ehemaligen Heimkinder zu Wort, über die schon die ganze Zeit gesprochen worden war. Die Abgeordneten wollten Klarheit gewinnen, in welchem Ausmaß in den 50er und 60er Jahren mit Medikamenten an Kindern in Heimen experimentiert worden war.

Es habe in Kinderheimen früher „ein überbordendes Maß an Sedierung“, also Betäubung, gegeben, berichtete Helfried Gareis von der Frankfurter Selbsthilfegruppe ehemaliger Heimkinder. Betroffene könnten „nicht unterscheiden, was Forschung und was ein zugelassenes Medikament war. Das wurde ihnen nicht gesagt.“

Gareis äußerte die Sorge, dass diese Praxis bis heute nicht überwunden sei. „Wenn wir nichts tun, dann müssen wir uns in 20 Jahren wieder hier treffen“, machte er deutlich. Hans Kloos vom bundesweiten Verein ehemaliger Heimkinder zeigte sich erfreut, „dass dieses erschütternde Thema endlich an die Öffentlichkeit kommt“.

Es habe in den Heimen auch Lumbalpunktionen gegeben, also die Entnahme von Nervenwasser, obwohl die Kinder nicht krank gewesen seien. Das spreche dafür, dass es sich um Medikamententests gehandelt haben müsse. Bis heute litten ehemalige Heimkinder unter den Schäden, berichtete Kloos.

Forscher ahnt großes Ausmaß

Auch der Gießener Medizinhistoriker Volker Roelcke zeigte sich überzeugt, dass es „Erprobungen in einem ziemlich großen Umfang“ gegeben habe. Dabei sei es nicht nur um Tests an Kindern gegangen. Allein bei der Auswertung für die Gießener Psychiatrische Uni-Klinik sei er von 1957 bis 1963 auf Tests mit 15 Medikamenten im Rahmen klinischer Studien gestoßen. Dabei habe sich keine Einwilligungserklärung von Patienten oder ihren gesetzlichen Vertretern gefunden.

Es stellt sich jedoch als schwierig heraus, nach Jahrzehnten noch einzelne Fälle nachzuweisen. Das zeigt sich bei dem ersten hessischen Fall, auf den die Forscherin Sylvia Wagner im Merck-Archiv gestoßen war und der die Diskussion ins Rollen gebracht hatte.

Danach hatte das Pharmaunternehmen einer Ärztin des Kinderheims der Hephata-Diakonie im nordhessischen Treysa 1957 die Lieferung eines Psycho-Medikaments angekündigt, das sich noch in der Erprobungsphase befand. Weder Merck noch Hephata fanden aber bei ihren Recherchen Belege dafür, dass das Präparat wirklich geliefert und zu Tests verwendet wurde. Maik Dietrich-Gibhardt, Vorstand der Hephata Diakonie, schloss daraus: „Der Verdacht auf eine solche Studie konnte nicht bestätigt werden.“

In Marburg wurde 1962 ein neuer, aber zugelassener Polio-Impfstoff verabreicht und die Wirkung an geimpften und nicht geimpften Kindern des Elisabeth- und des Bethanien-Heims untersucht, wie Forscherin Wagner berichtete. Eine solche Impf-Untersuchung mit „Kontaktkindern“, die mit geimpften Kindern zusammenlebten, habe es „auch in einem Frankfurter Heim“ gegeben, berichtete Wagner.

Der Vorstand des Marburger Elisabeth-Vereins, Hans-Werner Künkel, beklagte, dass die Berichte zu Unrecht „einen Schatten über Marburg“ geworfen hätten. Immerhin sei die Polio-Impfung von den Behörden mit der Kampagne „Schluckimpfung ist süß – Kinderlähmung ist grausam“ gefördert worden. Aus seiner Sicht solle es bei der Aufarbeitung eher um Tests mit nicht zugelassenen Medikamenten gehen. „Die sollten so aufgearbeitet werden, dass sie beweisbar sind“, sagte Künkel.

Ex-Heimkind Gareis widersprach. Die Träger seien in der Pflicht: „Sie müssen ihre Unschuld beweisen.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Medikamententests

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum