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Arbeitsverträge Befristete Jobs meistens zermürbend

Befristete Arbeitsverträge belasten. Nach einer Gewerkschaftstudie ist fast die Hälfte der Neuangestellten davon betroffen.

Fahrradkuriere
Fahrradkuriere mögen ihre anstrengenden Jobs, aber viele machen sich Sorgen um ihre berufliche Zukunft. Foto: Fabrizio Bensch/REUTERS

Im Eiltempo flitzen die Fahrradfahrer in pinkfarbener Kleidung kreuz und quer durch die Stadt. Auf dem Rücken habe sie eine Transportbox geschnallt, beladen mit Essen vom Inder, Mexikaner & Co. Am Ziel geht es mit der vollgepackten Kiste oft viele Treppen hoch. Ohne Zweifel ein anstrengender Job. Doch nicht nur körperlich fordert die Tätigkeit den Fahrradkurieren einiges ab. Auch mental ist der Job belastend. Denn sie sind befristet angestellt. Das birgt Unsicherheit – wer nach einem Jahr nicht weiß, wie es weitergeht, plant nicht weit in die Zukunft.

Auch Max (Name von der Redaktion geändert) hat noch nicht erfahren, ob er für den Lieferdienst weiterarbeiten wird. Im September des Vorjahres hat er als Fahrradkurier auf Minijob-Basis angefangen. Sein Vertrag läuft demnächst aus. Bereits Anfang Juli hatte er bei dem Lieferdienst angefragt, wie die weitere Planung aussehe. Er solle sich noch einmal einen Monat vor Ende des Vertrags melden, hieß es vonseiten des Unternehmens. „Ich würde gern weiterarbeiten, denn die Arbeit macht mir Spaß. Aber zu dem jetzigen Zeitpunkt weiß ich noch gar nicht, wie es weitergeht“, sagt Max. Von Kollegen hatte er mitbekommen, dass sie sogar erst zwei Wochen vor Vertragsende mitgeteilt bekommen haben, ob der Vertrag verlängert wird oder nicht. Besonders schlimm trifft die zeitlich knappe Entscheidung die Festangestellten. Doch auch für Max würde ein Auslaufen des Arbeitsverhältnisses bedeuten, dass er sich schnell nach einem neuen Nebenjob umschauen muss, denn er ist Student und benötigt die Nebeneinkünfte.

Peter-Martin Cox, Geschäftsführer der Gewerkschaft NGG für Hessen und Rheinland-Pfalz, kennt das Problem: „Im Gastgewerbe ist die Befristung gang und gäbe, außer der Druck von außen ist zu groß. Die Essenslieferdienste sind ganz besonders betroffen.“ 

Neben Gastro leiden auch Beschäftigte anderer Branchen unter den Arbeitsbedingungen. Vor allem Angestellte in Reinigungs- und Sicherheitsdiensten sowie Lehrer und Wissenschaftler haben häufig Arbeitsverträge mit einem Enddatum. Eigentlich wurde das Modell zeitlich befristeter Verträge eingeführt, damit Arbeitgeber flexibler neue Stellen schaffen können. Die hessischen Unternehmerverbände sehen darin eine Möglichkeit für eine schnelle Anstellung: „Befristete Verträge bieten Arbeitssuchenden die Chance auf den Erst- oder Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt, auch nach langer Arbeitslosigkeit.“ Doch oft leiden die Arbeitnehmer unter den befristeten Bedingungen.

Fast jeder Zehnte befristet angestellt

Laut einer DGB-Sonderauswertung von Februar 2018 ist deutschlandweit fast jeder Zehnte befristet angestellt. Bei den Neueingestellten ist es sogar fast die Hälfte. Das wirkt sich auch auf die Psyche aus. Studien belegen, dass befristet Angestellte deutlich unzufriedener in ihrem Job sind und häufiger von psychischen Leiden geplagt sind. Ebenso ist die Sorge um die berufliche Zukunft bei Personen mit befristeten Verhältnis doppelt so stark verbreitet wie bei Personen ohne zeitliche Anstellung. Für Max mangelt es auch an Wertschätzung: „Das Modell zeigt, dass man austauschbar ist und höchstens als billige Arbeitskraft einen Wert hat.“

Die Debatte um die Beschäftigungsverhältnisse erhielt auf Bundesebene vor allem durch den Koalitionsvertrag der Groko erhöhte Aufmerksamkeit. Union und SPD einigten sich darin unter anderem auf eine Beschränkung der sachgrundlosen Befristungen. Künftig sollen in Betrieben mit mehr als 75 Beschäftigten nur noch 2,5 Prozent der Arbeitnehmer ohne Grund befristet eingestellt werden. Zudem soll die Dauer der Befristung von 24 Monaten auf 18 Monate begrenzt werden. Sachbefristungen, beispielsweise aufgrund von Elternzeit- oder Krankheitsvertretung, sollen maximal nur noch fünf Jahre möglich sein. Durch die neuen Bestimmungen will man vor allem den Kettenbefristungen entgegenwirken – also der erneuten Einstellung für den gleichen Job im gleichen Betrieb.

Cox befürchtet, dass die Regularien dennoch zu kurz greifen: „Durch die festgesetzte Mindestanzahl fallen die Kleinbetriebe aus dem Raster. Obwohl es hier viele Probleme gibt.“ Dass die Vertragsmodelle sich ändern müssen, merken auch die Kommunen. Mit Befristungen lockt man kein qualifiziertes Fachpersonal an. Kommunale Arbeitgeber im Raum Rhein-Main haben deshalb Modelle gefunden, wie sie Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst künftig attraktiver gestalten wollen.

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