Lade Inhalte...

Angriff auf Wohnprojekt Junger Rechter zu Geldstrafe verurteilt

Der 25-jährige Kevin S. bezeichnet sich selbst als politisch rechts. Wegen eines Angriffs auf ein linkes Wohnprojekt in Reiskirchen-Saasen wird er zu einer Geldstrafe verurteilt.

Justizia wacht am Römer in Frankfurt. (Symbolbild) Foto: ddp

Es stimme schon, sagt der Angeklagte, er stehe politisch „schon rechts“. Der junge Mann in der schwarzen Fleecejacke knetet seine Hände. Früher, sagt er, sei er mal ein „Hardliner“ gewesen, habe Szenekleidung der Marke „Thor Steinar“ getragen, sei zu rechten Aufmärschen nach Dresden gefahren und Mitglied in der NPD-Jugend geworden. Aber heute gehe er nicht mehr zu Demos, er führe ein normales Leben. Außerdem rede er hier vor Gericht, in der Öffentlichkeit, ungern über seine Gesinnung. Und mit der Sache, um die es heute gehe, habe das doch alles sowieso nichts zu tun: „Keine Ahnung, warum ich das gemacht hab.“

Kevin S., 25 Jahre alt, sitzt an diesem Mittwoch etwas kleinlaut auf der Anklagebank im Amtsgericht Gießen, weil er vor einem Jahr die „Projektwerkstatt“ in Reiskirchen-Saasen (Landkreis Gießen) angegriffen hat. In betrunkenem Zustand hatte S., mit zwei rechten Kameraden auf dem Rückweg von einer zünftigen Sauftour, vor dem alternativen Wohnprojekt randaliert, mehrere Mülltonnen umgeworfen und mit einem Holzbalken die Glasscheiben zweier Türen zerdeppert. „Kommt raus, ihr Schweine“, soll er dabei wie von Sinnen gebrüllt haben. Fünf Monate später, am zweiten Weihnachtsfeiertag, trat S. dann unweit derselben Projektwerkstatt einen Seitenspiegel von einem geparkten Auto. Wieder war Alkohol im Spiel.

Gleich zu Beginn der Verhandlung räumt Kevin S. die beiden Taten ein. „Ich war’s ja auch, da muss ich ja auch zu stehen“, sagt er. Er habe an dem Tag einfach zu viel getrunken, es sei ihm vorher noch nie passiert, „dass ich so durchgedreht bin“. An diesem Julisonntag habe er schon morgens mit seinen beiden Kumpels angefangen, Bier zu trinken, später hätten sie dann in einem Biergarten mit Apfelwein-Cola und einigen Schnaps weitergemacht. Auf dem Heimweg sei man dann eben an der Projektwerkstatt vorbeigekommen. Mit den linken Bewohnern „hab ich schon als Kind meine Probleme gehabt“, sagt S. und grinst schief. Aber er habe das Haus nicht gezielt angegriffen. „Es gab da kein Motiv.“

Zwei Kameraden als Zeugen

Die Richterin, die diese Aussage erstmal zur Kenntnis nimmt, befragt anschließend die beiden Saufkumpanen des Angeklagten. Wie er, gehören sie zum Umfeld der jungen Neonazi-Truppe, die vor drei, vier Jahren mit Demos und Drohungen für reichlich Aufregung im mittelhessischen Lumdatal gesorgt hatte. Der erste Zeuge, 25 Jahre alt und arbeitslos, kann zur Wahrheitsfindung wenig beitragen. Er habe ein Alkoholproblem, sagt er, und habe heute morgen schon eine Flasche Wein geleert. „Hier oben stimmt’s nicht mehr“, sagt er und tippt sich selbst an die Stirn. „Alles fertig, Ende Gelände.“

Der zweite Zeuge, der sich selbst als politisch „konservativ“ einschätzt, ist etwas ergiebiger: Er habe trotz seines angetrunkenen Zustands noch versucht, den Angeklagten zu beruhigen, sagt der 28-Jährige. Kevin S. sei ziemlich aggressiv gewesen, der habe sich wohl in die fixe Idee reingesteigert, irgendein älterer Mann hätte in der Kneipe seine Schwester angemacht.

Die Richterin, die die ganze Verhandlung über ruhig nachgefragt hat, verurteilt Kevin S. wegen Sachbeschädigung zu 75 Tagessätzen à 40 Euro. Er sei trotz der Trunkenheit voll schuldfähig gewesen, sagt sie. Seine rechte Gesinnung sei auch wegen einer einschlägigen Vorstrafe eindeutig, „auch wenn Sie das hier zu verniedlichen versuchen“. Kevin S. akzeptiert das Urteil und verlässt umgehend den Saal. Er ist ganz offensichtlich froh, endlich gehen zu dürfen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum