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Altenpflege in Hessen „Wir brauchen einen Personalschlüssel“

Altenpflegerin Branka Ivanisevic erläutert im FR-Interview, warum eine gute Qualifikation in der Pflege von alten Menschen so wichtig ist.

Pflege in Hessen
Altenpflegerin schiebt eine Bewohnerin in einem Pflegeheim in einem Rollstuhl über den Gang. Foto: imago

Branka Ivanisevic (42) leitet einen Wohnbereich in einem Altenheim der Diakonie in Neu-Isenburg.    

Frau Ivanisevic, Sie werden gleich nach Wiesbaden fahren und für mehr Personal in der Altenpflege demonstrieren. Warum?
Wir brauchen nicht nur mehr Personal, wir brauchen vor allem ausreichend qualifiziertes Personal. Und wir möchten, dass dieser Beruf, der psychisch und physisch sehr belastend ist, gesellschaftlich aufgewertet wird.

Wie könnte eine solche Aufwertung aussehen?
Die Spaltung in Krankenpflege und Altenpflege hat dazu geführt, dass die Altenpflege in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer Zweiten-Klasse-Pflege wurde. Das muss sich ändern.

Fast jeder hat oder hatte einen Angehörigen in einem Heim und weiß, wie wichtig eine gute Betreuung ist. Wie schaffen Sie das eigentlich, auf jeden Bewohner individuell einzugehen? Bleibt dafür im Alltagsbetrieb überhaupt genug Zeit?
Vieles hängt von der Arbeitsorganisation ab. Aber es ist eine ständige, große Herausforderung, jeden Menschen so zu versorgen, wie wir das gelernt haben. In der Gesellschaft ist das noch nicht angekommen, dass wir unbedingt gut geschulte Fachkräfte brauchen. Stattdessen bekommen viele Heime von den Arbeitsagenturen Menschen zugewiesen, die arbeitslos sind.

Und welche Qualifikationen bringen diese Hilfskräfte mit?
Die waren mal Bäcker oder Maurer und hatten mit der Pflege noch nie etwas zu tun.

Gibt es Qualifizierungsangebote?
Die Agentur für Arbeit bietet an, dass sie eine dreijährige Ausbildung machen. Wenn man den häufig vorhandenen Migrationshintergrund betrachtet, ist das sehr schwierig. Viele sind auch schon etwas älter und froh, dass sie diese Stelle als Hilfskraft bekommen haben und regelmäßig Geld verdienen. Die meisten haben aber nur eine Teilzeitstelle, so dass ihnen später die Altersarmut droht.

Was verdient eine ausgebildete Altenpflegerin nach der dreijährigen Ausbildung?
Bei einer Vollzeitstelle liegt das Anfangsgehalt bei 2300 Euro brutto im Monat, was die nicht tarifgebundenen Träger betrifft. Im Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes sind es rund 3000 Euro.

Gibt es denn einen Personalschlüssel, also eine Definition, um wie viele alte Menschen sich eine Pflegekraft kümmern muss?
Wir würden uns wünschen, dass ein solcher Schlüssel unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Pflegegrade eingeführt wird. Bisher ist eine Quote von 50 Prozent Fachkräften vorgeschrieben, die aber für einen gewissen Zeitraum unterschritten werden darf. Was auch oft vorkommt, weil das Fachpersonal fehlt.

In der Krankenpflege fehlen Fachkräfte. Der Markt ist leergefegt.Wie sieht es in der Altenpflege aus?
In Hessen fehlen derzeit verschiedenen Statistiken zufolge 2500 Fachkräfte. Bis 2030 gehen wir davon aus, dass bis zu 9000 Personen fehlen werden. Und ich weiß nicht, wie diese Lücke zu schließen ist.

Interview: Friederike Tinnappel

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