Lade Inhalte...

Allessa-Industriepark Chemie-Standort im Umbruch

Nach fast 170 Jahren beginnt im Allessa-Industriepark eine neue Ära. Die größte Entwicklungsfläche Offenbachs birgt gewaltiges Potenzial. Eigentümer und Kommune arbeiten an einem Konzept für Gewerbe, Wohnen und Naherholung.

12.09.2010 22:20
Jörg Muthorst
Der Wasserturm könnte Industriedenkmal werden.

Der Eindruck ist beklemmend. Wo noch vor einem Jahr 300 Mitarbeiter des Chemiefaserherstellers Invista in Lohn und Brot standen, zerpflücken jetzt riesige Bagger mit ihren Beißzangen die freigelegten Innereien der Produktionshalle. Stück für Stück demontieren sie einen Knäuel von Rohren, Leitungen und Ventilen.

Als letztes hatte vor drei Monaten der Parkbetreiber Allessa-Chemie seine Produktion im Osten Offenbachs eingestellt. Das Frankfurter Unternehmen, das den Park bis 2031 von der Schweizer Clariant gepachtet hat, knipste damit für einen der einst größten Chemiestandorte der Region das Licht aus und würde gerne von dem Pachtvertrag zurücktreten. Noch in den 1950er Jahren waren hier über 2000 Menschen beschäftigt.

Streng abgeschirmt von der Außenwelt ist ein labyrinthisches Kleinstadt-Geflecht aus Straßen, Schienen und Rohrbrücken in Dornröschenschlaf gefallen. In weiten Teilen des riesigen Geländes herrscht gespenstische Ruhe. Die Halle der Werksfeuerwehr ist verwaist, das Kraftwerk stillgelegt.

Doch wo ein Ende ist, ist auch ein Neubeginn. Im Westen zieht der Energieversorger EVO mit Millionenaufwand ein großes Holzpelletswerk samt Biomasseheizkraftwerk hoch. Die Anlage soll schon in Kürze das bislang mit Kohle befeuerte Fernwärme-Kraftwerk am Hafen beliefern. Auch wenn das noch nicht sehr viele Arbeitsplätze schafft: Es ist eine Initialzündung. Nebenan plant bereits das Offenbacher VDE Prüf- und Zertifizierungsinstitut ein großes Prüflabor für Batterie- und Ladesysteme von Elektrofahrzeugen.

Der Standort zwischen Main und Mühlheimer Straße birgt ein gewaltiges Potenzial. Mit 38 Hektar ist dies die größte Entwicklungsfläche Offenbachs. Wie am alten Ölhafen, so wird es auch auf dem erstmals 1842 von der Teerfabrik Oehler genutzten Chemiegelände darum gehen, ein Industriegebiet für Gewerbe, Wohnen und Naherholung nutzbar zu machen. Eigentümer Clariant und Kommune arbeiten an einem Entwicklungskonzept. Der Schweizer Chemiekonzern muss die Altlasten entsorgen. Die Kosten sollen aus dem Grundstücksverkauf und dem Recycling des Altmetalls erwirtschaftet werden.

Offenbachs Stadtverordnete verschafften sich am Samstag ein Bild von der Situation. Mit der Aufstellung eines Bebauungsplans hat die Stadt planerisch den Daumen auf dem Areal. Am Main soll ein kleines Wohnviertel entstehen, der überwiegende Teil des Gebietes aber soll gewerblich genutzt werden. Beide Bereiche werden durch die neue Mainstraße voneinander getrennt. Sie wird ab Friedhofstraße durch den Park in Richtung Osten bis zum Mainzer Ring geführt.

Auf der Gewerbefläche soll in den nächsten 20 Jahren ein Umwelt-Technologiepark entstehen. Ein Cluster-Standort für kleinere bis mittlere Betriebe, die auf Feldern wie der regenerativen Energiegewinnung tätig sind.

Unter dem Titel Energiepol denken Stadtplaner, Wirtschaftsförderer und Baugesellschaft GBO bereits über ein Gründerzentrum als Zweigstelle des Ostpols im Mathildenviertel nach. Es könnte in dem aus den 1950ern stammenden Verwaltungstrakt an der Mainstraße sowie im angrenzenden Gebäudeensemble entstehen. Offenbachs Stadtplaner halten diese Gebäude ebenso für schützenswert wie das alte Werksmuseum und einige andere Bauwerke, der markante Wasserturm etwa, die Rohrbrücke am Mainufer oder die dreischiffige Backsteinhalle. Ein Industriearchäologe wird jedes einzelne Gebäude jetzt daraufhin bewerten.

Die Stadt Offenbach will ihren Teil zur Umstrukturierung leisten, indem sie einen drei bis fünf Hektar großen Streifen im Westen von Clariant erwirbt. Dazu zählen das denkmalgeschützte historische Badehaus an der Ecke Mühlheimer Straße, das Wäldchen mit der Fabrikantenvilla und eben der alte Verwaltungstrakt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen