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Wiesbadener Kaiman Qualitätsarbeit aus der Kaiserzeit

Der Taucherschacht Kaiman liegt seit Jahren im Schiersteiner Hafen vor Anker. Der Schiffskörper aus der Kaiserzeit ist von großem historischen Wert und steht unter Denkmalschutz. Jetzt soll er nach Duisburg ziehen.

07.04.2014 18:55
Steffen Boberg
Motorenschlosser Andreas Strupat vom Wasser- und Schifffahrtsamt Bingen kümmert sich rührend um das schwimmende Industriedenkmal.

Wer am Schiersteiner Hafen spazieren geht, kann an dem Stück Rhein-Geschichte, das hier ein paar Meter die Böschung hinab im Wasser liegt, schon mal vorbeilaufen. Auf den ersten Blick unscheinbar, aber irgendwie doch nicht übersehbar, lugt das sperrige Metallgerüst des wuchtigen Taucherschachtes über die Baumwipfel. Erst beim zweiten Blick fallen das alte Holz, die riesigen Zahnräder und die mächtigen Ketten durch die Äste auf.

Imposanter wirkt der auf den Namen „Kaiman“ getaufte Taucherschacht nur vom Hafenbecken aus. Dann hat man freien Blick auf die Steuerbordseite des Schiffskörpers und die Metallkonstruktion, die fast 15 Meter über den Wasserspiegel ragt.

„Vorsicht, das ist wie Schmierseife“, warnt Andreas Strupat, Motorenschlosser beim Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) Bingen. Der 54-Jährige ist über die Reling des Kaimans geklettert und bewegt sich behutsam über den grünen Moosteppich auf Deck. Einmal pro Woche fährt er zu dem ausrangierten Schiff, um nach dem Rechten zu sehen. Letzte Nacht hat das Regenwasser die Backbordseite geflutet. Strupat grummelt, watet in die Pfütze und fummelt und stochert, bis der Abfluss frei ist.

Mit trockenen Füßen auf den Flussgrund

1892 wurde der Kaiman in der Duisburger Schiffswerft Berninghaus gebaut. 114 Jahre lang kam das Spezialschiff von Köln bis Karlsruhe auf dem Rhein im Einsatz, ehe es 2006 wegen zu hoher Betriebskosten stillgelegt wurde. Mittlerweile sind die wichtigsten Teile ausgebaut. Trotzdem wirkt es, als sei hier gestern noch die Besatzung am Werk gewesen. Die Aufgaben des Kaimans waren, Hindernisse wie Felsen oder verlorene Anker zu beseitigen, Verankerungen für Fahrwassertonnen zu setzen und Bodenproben zu entnehmen – alles trockenen Fußes, am Boden des Rheins.

Dafür wurde die Taucherglocke durch den Schacht acht Meter in den Fluss hinab gelassen. Mit Druckluft wurde in der Glocke ein Überdruck erzeugt, der das Wasser herauspresste. Dann stiegen die Arbeiter fast 15 Meter über dem Wasserspiegel in den Schacht und kletterten in ihm hinab auf die Flusssohle. „Unten wurde hart geschuftet“, erklärt Strupat, „und wenn schweres Gerät nicht half, wurde gesprengt.“ Mit einer Sprechleitung waren die Taucher mit dem Fahrstand verbunden, der die Arbeiten per Video überwachte.

Beim Gang über den Kaiman fühlt man sich in die Zeit der Industrialisierung versetzt. Wuchtige Stahlelemente prägen die Deckaufbauten. Unter Deck hat sich seit der Ausmusterung 2006 nicht viel getan. In der Küche am Heck stehen Töpfe, auf dem Fenster eine Plastikblume und beim zweiten Maschinist hängt ein Poster vom Playmate des Monats Dezember an der Wand. Herausgenommene Bodenplatten geben den Blick auf den genieteten Rumpf frei. Die Technik des Schweißens gab es 1892 noch nicht. „So sehen wir, ob Wasser ins Schiff eindringt“, sagt Strupat.

Der Kaiman war der letzte von fünf Taucherschächten, die ab 1859 für den Rhein gebaut wurden. Alle Schächte hatten keinen eigenen Antrieb, mussten zum Einsatzort geschleppt werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Kaiman gebraucht, um Fliegerbomben und Trümmer zu bergen. Auch für den Ausbau des Mittelrheins wurde der Taucherschacht und sein Schwesternschiff „Krokodil“ eingesetzt. Das einzige Schiff dieser Art, das heute noch im Einsatz ist, ist die 1963 gebaute „Carl Straat“.

„Vorne liegt er ziemlich hoch im Wasser, weil die Ankerketten weg sind“, erklärt Strupat, als er die Abdeckung zum engen Zugangsschacht im Bug mit Öl schmiert. Unter der schmalen Treppe stehen vergessene, verdreckte Gummistiefel, auf einer Ablage liegen ölige Handschuhe. „Hier war der Sklave beschäftigt“, schmunzelt Strupat und deutet auf den Kettenraum. 600 bis 800 Meter Ankerkette mussten hier von Hand gelegt werden. Obwohl er mehrmals gesunken ist, wurde der Kaiman immer wieder modernisiert. Die Dampfmaschinen wurden im Laufe der Jahre durch Dieselaggregate ersetzt.

Mühsame Landziehung

Eigentlich wollte das Wasser- und Schifffahrtsamt Bingen den schwimmenden Exoten verkaufen. Für Metallhändler steckt im Kaiman eine Menge Geld. Die letzte Fahrt in den Schmelzofen wurde jedoch von der Denkmalgesellschaft Bingen abgewendet, der Kaiman als ein Stück Industriekultur unter Denkmalschutz gestellt. Lange lag er in St. Goar vor Anker, bis dort kein Platz mehr war. „Deshalb haben wir ihn nach Wiesbaden geholt“, sagt Bernhard Meßmer, Leiter des WSA Bingen. Derzeit werde es nur schwimmfähig gehalten.

Das Museum der deutschen Binnenschifffahrt in Duisburg hat Interesse bekundet: Leiter Bernhard Weber will den Kaiman haben, verhandelt schon länger mit Meßmer: „Ich bin fest entschlossen, dieses einmalige Technikdenkmal, hier auf einer Wiese zu zeigen.“ Dafür soll es aus dem Wasser, weil das günstiger sei. Doch alle Firmen, denen Weber seine Idee und Pläne des 400 Tonnen schweren Schiffes schickte, hätten nach seiner Anfrage abgewunken.

Neben der Landziehung würden zudem Personal, Verkehrssicherheit und eine alle zehn Jahre durchzuführende Routine-Überprüfung Kosten verursachen. Der Grundstock für eine Stiftung sei nicht einfach zu bekommen. Aufgeben wolle der Museumsleiter aber nicht. Kürzlich erst habe sich eine neue Möglichkeit aufgetan, die er noch nicht verraten will. Am Ziel ändert sich für ihn aber nichts: „Das Schiff gehört nach Duisburg.“

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