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Wiesbadener Geschichte Pferde vor der Straßenbahn

Vor 55 Jahren fuhr die letzte Tram durch Wiesbaden. Mehrmals gab es schon Versuche, die Straßenbahnen wiederzubeleben - bislang jedoch vergeblich. Von Sonja Jordans

07.04.2010 00:04
Sonja Jordans
Für Wiesbadener ein ungewohnter Anblick: Eine richtige Straßenbahn. Foto: Privat

Der Begriff Straßenbahn ist - zumindest für Wiesbadener - mit einem Hauch Nostalgie besetzt. Während in der benachbarten rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz die Straßenbahn zum Stadtbild gehört, können sich viele Nutzer des Wiesbadener Personennahverkehrs kaum noch daran erinnern, dass es in der hessischen Landeshauptstadt überhaupt einmal eine Tram gegeben hat.

Vor fast genau 55 Jahren, am 30. April 1955, fuhr die letzte Straßenbahn durch Wiesbaden. 1961 stellten die elektrisch betriebenen Oberleitungsbusse ihren Betrieb ein. "Eigentlich schade", findet das Jörg Gerhard, stellvertretender Leiter des Eigenbetriebs Eswe Verkehr. Schließlich blickt die Straßenbahn in Wiesbaden auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Im Mai jähren sich die erste Fahrt mit einer dampfbetriebenen Bahn sowie die erste Fahrt mit einer elektrischen.

"Die erste Bahn überhaupt fuhr jedoch am 16. August 1875 vom alten Bahnhof in der Rheinstraße ins Nerotal, zur Nerobergstraße", erzählt Gerhard nach einem Blick in alte Aufzeichnungen. Pferde zogen die Bahn, elektrische oder dampfbetriebene Wagen gab es zu dieser Zeit noch nicht. Das änderte sich vor fast genau 121 Jahren, im Mai 1889.

Die erste Dampf-Straßenbahn nahm ihren Betrieb auf und fuhr vom Rheinufer in Biebrich ins Nerotal. "Während dieser Zeit gab es zunächst nur diese Dampf- sowie zwei von Pferden gezogene Straßenbahnen", erläutert Gerhard.

Dampfbahn war unbeliebt

Doch die Wiesbadener hätten die Dampfbahn nicht gemocht. "Deswegen wurde sie nicht alt." Im Mai 1896 fuhr erstmals eine elektrisch betriebene Straßenbahn vom Bahnhof in der Rheinstraße bis zur Waldmühlstraße im Westen der Innenstadt. "Parallel blieb die Dampfbahn zunächst bestehen", berichtet Gerhard. Doch nur bis 1929. "Am ersten April lief die Konzession für die Dampfbahn aus", sagt Gerhard. Der Betreiber, die Süddeutsche Eisenbahngesellschaft, hatte sich mit der Stadt Wiesbaden überworfen. Daraufhin verlängerte die Stadt die Konzession für sämtliche von der Gesellschaft betriebenen Bahnen nicht. Erste Busse wurden eingesetzt. 1948 kamen Oberleitungsbusse dazu, die wie Straßenbahnen zum Fahren Strom benötigen, jedoch nicht auf Schienen unterwegs sind. "Dieser O-Bus hatte die alte Strecke der Dampfbahn übernommen", weiß Gerhard.

"Zu dieser Zeit fuhren auch schon Straßenbahnen, die der Stadt gehörten", erzählt Gerhard weiter. Zeitweise waren in Wiesbaden drei verschiedene Arten öffentlicher Verkehrsmittel unterwegs: Busse, Oberleitungsbusse und Straßenbahnen.

Bis 1955 fuhr die Linie 6 nach Mainz, die 8 nach Biebrich und die 9 nach Schierstein. "Innerstädtisch verkehrte die Linie 7 zwischen Dotzheim und Bierstadt", erzählt Gerhard. Irgendwann jedoch habe die Stadt Wiesbaden kein Geld mehr aufbringen wollen, um das während des Zweiten Weltkriegs beschädigte Schienennetz der Straßenbahnen dauerhaft zu reparieren, sagt Gerhard.

Das Ende der Straßenbahn rückte näher, vor 55 Jahren wurde der Betrieb endgültig eingestellt. Oberleitungsbusse fuhren noch bis 1961, dann war auch für sie Schluss. Zwar gab es zwischenzeitlich Bestrebungen, ein Stück Straßenbahntradition aufleben zu lassen - freilich im modernen Gewand: Die grüne Ex-Verkehrsdezernentin Christiane Hinninger wollte in ihrer Amtszeit eine umweltfreundliche Stadtbahn in Wiesbaden einführen.

Jörg Gerhard war damals an den Planungen beteiligt. "Das Projekt wäre wirtschaftlich vertretbar gewesen, aber man hat es politisch nicht gewollt", sagt er. Fazit: Es wurde gekippt. Einen erneuten Anlauf gab es bisher nicht.

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