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Wiesbaden Wieder mal keinen Bock auf Politik?

Der Verein zur politischen Partizipation hat das Ziel, politisches und gesellschaftliches Engagement zu fördern und politische Aufklärung voranzutreiben.

Natalia Simonarson und Jakob Kirfel vom Verein zur politischen Partizipation. Foto: Michael Schick

Politisches Desinteresse, gar Politikverdrossenheit, ist unter Jugendlichen weit verbreitet. Das konstatieren auch Natalia Simonarson (16) und Jakob Kirfel (17), die als neue Vorsitzende des Wiesbadener Vereins zur politischen Partizipation (VZPP) das aber nicht einfach so hinnehmen wollen. Ziel des 2013 gegründeten Vereins ist laut Kirfel daher die politische Aufklärung von Jugendlichen in Wiesbaden.

„Wir möchten Jugendlichen den Zugang zur politischen Debatte erleichtern“, sagt Kirfel, der die Oberstufe des Gymnasiums am Mosbacher Berg besucht. Dabei wollen sich die Vorsitzenden des VZPP nicht auf Medienmacher wie LeFloid verlassen: Der YouTube-Star mit 2,7 Millionen Followern hat unlängst Angela Merkel interviewt. „Ich finde LeFloid prinzipiell gut, weil er die Jugendlichen mit politischen Themen erreicht. Aber das Merkel-Interview war mir an vielen Stellen mit zu wenig Nachdruck“, sagt die Martin-Niemöller-Schülerin Simonarson.

Transferproblem

Erfolgsrezept von LeFloid ist laut Simonarson, dass komplexe politische Themen modern aufbereitet werden. „Um das zu schaffen, müssen die richtigen Themen gewählt und deren Inhalte in die Sprache der Jugendlichen übersetzt werden. Das ist eines der Ziele, die sich unser Verein gesetzt hat“, sagt Kirfel.

Bei der Vermittlung geht es dem 23 Mitglieder starken Verein nicht nur um globale Themen wie Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit, sondern auch um Lokales. „Viele Jugendliche denken, dass Lokalpolitik nicht so wichtig ist, dabei werden hier Themen entschieden, die unser Leben ganz konkret beeinflussen“, betont Simonarson. Die Sitzungen des Stadtparlaments beurteilen Simonarson und Kirfel allerdings als trockene Veranstaltungen, die vor allem für Außenstehende abschreckend und undurchsichtig wirken. „Dabei ist die inhaltliche Arbeit spannend. Im Parlament sieht man ja nur das Ergebnis des Prozesses“, sagt Kirfel.

Um den Jugendlichen die vermeintlich trockenen Themen näherzubringen, haben sich die Vereinsmitglieder ein neues Format ausgedacht: Ein monatlicher politischer Talk für Jugendliche soll in Wiesbaden etabliert werden. Der VZPP, das ist beiden Vorsitzenden gerade in diesem Kontext wichtig, ist ein überparteilich arbeitender Verein. „Wir tolerieren alle Einstellungen. Vielleicht lassen sich weniger fundierte Meinungen bei einem solchen Talk auch ändern“, sagt Simonarson.

Als brennende lokale Themen haben die Jugendlichen zum Beispiel den Sanierungsstau an den Wiesbadener Schulen definiert. „Das ist Schülerinnen und Schülern natürlich wichtig“, so Kirfel. Auch eine Podiumsdiskussion mit den Spitzenkandidatinnen und -kandidaten der im Stadtparlament vertretenen Parteien zur Kommunalwahl 2016 halten Simonarson und Kirfel für eine gute Idee. „Wir haben schon 2013 zur Bundestagswahl ein solches Podium organisiert. Das ist sehr gut angekommen“, so Kirfel.

Das bekannteste Projekt des Vereins – und auch die Initialzündung der Vereinsgründung – ist das jährlich stattfindende Planspiel der Vereinten Nationen, Wiesbaden Model United Nations, kurz WiesMUN. „In diesem Jahr waren hier 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus sieben Nationen vertreten“, berichtet Simonarson. Im Planspiel vertreten die Jugendlichen fiktive Länder und müssen deren vorher festgelegten politischen Positionen übernehmen. Auch im kommenden Jahr soll es wieder ein WiesMUN geben.

Schwierige Sponsorensuche

Bei der laut Simonarson und Kirfel sehr aufwendigen Organisationsarbeit der fiktiven Debatte stießen die Jugendlichen auf ganz reale Grenzen, über die sie sich auch ganz real geärgert haben. Da sei zum einen die beschwerliche Sponsorensuche gewesen: „Ich hatte da den Eindruck, dass wir gar nicht so recht ernst genommen wurden. Die meisten haben sich nicht mal die Mühe gemacht, auf die Anfragen zu antworten“, berichtet Simonarson. 6000 Euro verschlingt ihrer Aussage nach ein WiesMUN. Viel Geld für einen kleinen Verein von Jugendlichen, der nur über die Ortsbeiräte eine kleine Subvention erhält. Aber immerhin gewann der Verein erst kürzlich den mit 1000 Euro dotieren Angelika-Thiels-Förderpreis der Landeshauptstadt.

Viel mehr als über die Ignoranz der potenzielle Sponsoren ärgert sich Simonarson aber über politische Gegebenheiten, die dem Verein Steine in den Weg legten: „Wir hatten eigentlich Anmeldungen aus 22 Ländern für das jüngste WiesMUN. Aber einige Jugendliche, zum Beispiel aus Pakistan und Indien, haben kein Visum erhalten. Und das, obwohl wir als Veranstalter direkt mit den Botschaften Kontakt aufgenommen haben. Das hat aber nichts genutzt“, sagt Simonarson.

Vor dem Hintergrund frage sie sich, wie Integration überhaupt funktionieren solle, wenn die Türen schon hier so fest verschlossen sind. „Und das nur wegen der Sorge, dass die Jugendlichen vielleicht nicht in ihre Heimatländer zurückkehren wollen, wenn sie einmal hier sind. Dabei kann sich das Flugticket doch sowieso nur die dortige Elite leisten“, ergänzt Kirfel.

Nicht nur wegen derartiger Erfahrungen sehen die VZPP-Vorsitzenden das meiste Potenzial zur Veränderung auf internationaler Ebene. „Je älter eine Struktur ist, desto ausgefeilter ist sie“, analysiert Simonarson. Daher sei das parlamentarische System auf kommunaler Ebene sehr statisch, das der Vereinten Nationen prägbar.

Beide Jugendliche könnten sich vorstellen, später in der internationalen Politik tätig zu sein. „Es wäre doch gut, wenn die UN ein Gremium wäre, dass nicht immer zu spät eine Entscheidung trifft, wenn es sich überhaupt entscheiden kann“, sagt Natalia Simonarson.

Den zwei Wiesbadenern ist bewusst, dass sie mit ihrem ausgeprägten politischen Bewusstsein eine Ausnahme unter den Jugendlichen, insbesondere in ihrer Altersgruppe, darstellen. Die Vereinsvorsitzenden räumen ein, dass die Schuld daran nicht nur bei den etablierten Politikern und Parteien liegt, sondern auch bei den Jugendlichen selbst. Trotzdem wollen sie mit ihrem Verein weiterhin dafür arbeiten, dass in Schule und Gesellschaft der Zugang zu politischen Themen erleichtert wird.

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