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Wiesbaden Vorerst in Sicherheit

In Wiesbaden hat ein neues Wohnheim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge eröffnet. Der Standort wird wegen der Angst vor Übergriffen geheim gehalten.

Samir aus Afghanistan und Najib aus Somalia sind 16 Jahre alt. Mehrere Monate hat ihre Flucht gedauert, die sie aus den jeweiligen Krisengebieten bis nach Wiesbaden brachte. Gekommen sind sie allein, ohne die schützende Begleitung von Erziehungsberechtigten. Jetzt sitzen die so unterschiedlichen, aber im Schicksal vereinten Teenager nebeneinander im Gemeinschaftsraum einer neuen Flüchtlingsunterkunft irgendwo in Wiesbaden. Die Tatsache, dass sie noch nicht volljährig und ganz alleine auf der Flucht sind, verleiht ihnen den Status der „umF“, was im Amtsjargon für „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ steht.

Zwölf umF sind in dem Haus untergebracht, das die Stadtentwicklungsgesellschaft SEG in den vergangenen Monaten in Windeseile umgebaut hat. 18 weitere Flüchtlinge sollen folgen – im Alter zwischen 14 und 17 Jahren. Die meisten stammen aus Somalia, Eritrea und Afghanistan.

Das wird sich laut Andreas Müller so schnell nicht ändern. Müller ist Geschäftsführer der Jugendhilfeverbund Antoniusheim GmbH, die das Heim in Zusammenarbeit mit der Stadt Wiesbaden betreibt. „Woher die Flüchtlinge kommen ist nichts, was wir aktiv steuern könnten. Sie kommen eben“, betont Müller.

Unter dem Radar

Dass sie in Deutschland stranden würden, war von Najib und Samir nicht geplant. „Wenn man flieht, dann weiß man nicht, wohin“, sagt Najib auf stark mit afrikanischem Akzent eingefärbtem Englisch bei der Pressekonferenz. Vier Monate sei er unterwegs gewesen, die letzte Etappe habe er mit dem Zug zurückgelegt. Den Ortsnamen „Wiesbaden“ habe er nur von seinem Zugticket gekannt und nicht gewusst, dass das in Deutschland liegt.

Der Trubel um ihre Person ist den jungen Männern mit den fein geschnittenen Gesichtszügen offensichtlich unangenehm, beide wissen aber, dass der Termin wichtig und die Gelegenheit zum Appell günstig ist. „Ich wünsche mir, dass mein Asylverfahren schnell beendet wird, damit ich hier bleiben kann“, sagt der Afghane Samir auf Deutsch im Kreise von Journalisten sowie politisch und organisatorisch Verantwortlichen.

Samir und Najib sind nicht nur jung, sie sind auch „Selbstmelder“. So werden Flüchtlinge genannt, die es mit Hilfe sehr gut organisierter Schlepper unter dem Radar von Ordnungsbehörden, Grenzschutz und Polizei hindurch bis direkt vor die Haustür der Unterkünfte schaffen.

„Die Schlepper bringen die Flüchtlinge zu bekannten Einrichtungen und sagen: ,Da müsst ihr klingeln‘“, erklärt Beate Mayer, stellvertretende Verbundleiterin beim Jugendhilfeverbund Antoniusheim. Laut Mayer kommen seit etwa einem Jahr immer mehr Flüchtlinge nicht mehr in geregelten Verfahren als Zuweisung über die Erstaufnahmeeinrichtungen, sondern als Selbstmelder.

„Besonders bei Minderjährigen ist das für die Kommunen problematisch“, so Mayer. Während Volljährige zu den Erstaufnahmeeinrichtungen weitergeleitet werden könnten, seien Jugendämter verpflichtet, sich Minderjährigen direkt anzunehmen. „In der Nacht zum Mittwoch waren es wieder sieben Jugendliche, die von der Polizei bei uns abgeliefert wurden“, so Mayer. Unterkünfte wie das neue Haus würden also dringend gebraucht.

Sebastian Hofmann, Erziehungsleiter des umF-Bereichs im Antoniusheim und Leiter der neuen Flüchtlingsunterkunft, muss das Zusammenleben organisieren. Die Jugendlichen seien von den Geschehnissen in ihrer Heimat und monatelanger Flucht traumatisiert und körperlich geschwächt. „Wir müssen sie psychisch wie physisch stabilisieren und möglichst schnell bereit für ein selbstständiges Leben in Deutschland machen.“

Dabei stünden die Helfer vor der Herausforderung, dass sie es mit verhältnismäßig alten Jugendlichen zu tun haben. „An erster Stelle nach der Grundversorgung steht die Sprachvermittlung, danach kommen die Suche nach Schul- und Ausbildungsplätzen. Ziel ist, dass die Jugendlichen mit der Volljährigkeit in ihre eigene Wohnung umziehen und dort auf ein geordnetes Ende ihres Asylverfahrens warten können“, betont Hofmann.

Vereint in der Fremde

Schwierigkeiten, für die Jungs und Mädchen einen Ausbildungsplatz zu bekommen, gebe es an sich nicht. „Besonders die überbetrieblichen Ausbildungsträger sind da sehr offen und hilfsbereit“, so Mayer. Die von der Handwerkskammer formulierte Sorge, Jugendliche könnten noch während der Ausbildung abgeschoben werden, könne bei den hiesigen Jugendlichen entkräftet werden. „In diese Herkunftsländer wird nicht abgeschoben“, heißt es von den Experten.

Auch wenn in der neuen Unterkunft jugendliche Flüchtlinge unterschiedlicher Kulturen auf engstem Raum zusammenleben, sich sogar Doppelzimmer teilen, so komme es selten zu eskalierenden Streitigkeiten. „Die Jugendlichen haben wegen religiös motivierten Konflikten ihre Heimat verloren. Hier eint sie ihr neuer Status als Fremder in einem fremden Land“, berichtet Hofmann.

Ob sich Samir und Najib jemals in Deutschland heimisch fühlen werden, kann jetzt noch niemand sagen. Sich integrieren und beruflich erfolgreich werden, steht bei ihnen neben dem positiven Asylbescheid weit oben auf der Wunschliste. „Ich will meine Schule beenden und eine Ausbildung machen“, sagt Samir. Und Najib weiß sogar schon, welchen Beruf er ergreifen möchte: Automechaniker.

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