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Wiesbaden Urteil wegen Kindsmisshandlung "Das war kein einfacher Klaps"

Das Wiesbadener Amtsgericht verurteilt die ehemalige Grünen-Vorstandssprecherin Astrid Espenschied wegen Körperverletzung zu sechs Monaten auf Bewährung. Sie soll als Tagesmutter ein 15 Monate altes Kind geschlagen haben.

01.09.2012 22:08
Gaby Buschlinger
Justitia Foto: dpa

Nach wie vor streitet sie ab, einem ihr als Tagesmutter anvertrauten Kleinkind kräftig ins Gesicht geschlagen zu haben. Doch Amtsrichterin Sabine Kehl glaubt ihr nicht: Am Freitag wurde die ehemalige Grünen-Vorstandssprecherin Astrid Espenschied wegen Körperverletzung zu einer Strafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilt. Das hatte auch Staatsanwalt Andreas Winckelmann gefordert.

Espenschieds Anwalt Axel Stöckel wird Berufung einlegen. Die Beweise seien nicht ausreichend gewesen, das Urteil eine „Bauchentscheidung“, sagte Stöckel. Es bestünden „massenhaft Zweifel“ an der Schuld seiner Mandantin. Er fordert einen Freispruch.

Für Espenschied steht wegen der Anschuldigungen die finanzielle Existenz ihrer Familie auf dem Spiel. Mit dem Job als Tagesmutter wollte die 45-Jährige nach langer Erziehungszeit für die drei inzwischen schulpflichtigen Kinder seit Anfang 2010 das Einkommen der Familie sichern. Ihr Mann arbeitet nur Teilzeit. Im November entzog ihr aber das Jugendamt die Erlaubnis, nachdem die Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl erlassen hatte.

Sturz ausgeschlossen

Die Mutter des 15 Monate alten Jungen hatte Espenschied nach dem Vorfall im Juni 2011 angezeigt. Ärzte schlossen einen Sturz oder Stoß als Ursache für die geschwollene und gerötete linke Gesichtshälfte aus. Im linken Auge waren Äderchen geplatzt, das Ohr war dunkelblau. Für die Mainzer Rechtsmedizinerin Dorothea Hatz gab es dafür nur eine Erklärung: „Ein oder mehrere Schläge mit der flachen Hand – und zwar mit Wucht.“ Ein einfacher Klaps hätte nicht solche Folgen.

Laut Espenschied hat der Kleine an dem Unglückstag ihre Wohnung lediglich mit einem winzigen blauen Fleck am Ohr verlassen. Sie vermutete, dass das Kind auf ein Spielzeug gefallen sein muss. Die 24 Jahre alte Mutter indes sagte, ihr Sohn sei ihr an diesem Nachmittag zum ersten Mal beim Abholen entgegengelaufen, habe „feuchte Augen“ gehabt und „schlimm“ ausgesehen.

Dass die alleinerziehende Studentin nicht gleich bei den Espenschieds einen Aufstand gemacht habe, sondern erst auf Rat einer Bekannten am Abend zum Arzt ging, fand die Richterin nachvollziehbar: „Sie war geschockt und mit der Situation überfordert.“ Zwischen Espenschied und ihr habe schließlich ein enges Vertrauensverhältnis bestanden.

Geduldsfaden gerissen

Dass der Mutter die Hand ausgerutscht sei und sie die Schuld der Tagesmutter in die Schuhe schieben wolle, hielt die Richterin für ausgeschlossen: „Die Mutter wurde von allen Zeugen als liebevoll und überaus geduldig beschrieben.“ Den Eindruck „abgebrühter Souveränität“ habe die 24-Jährige während des Prozesses nicht versprüht. Zudem hätte sich das eine Woche lang traumatisierte Kind dann sicher nicht an die Mutter geklammert.

„Ich bin überzeugt, dass Sie es waren“, sagte Richterin Kehl. Nicht wegen ihres „ruppigen Erziehungsstils“, den Staatsanwalt und Nebenklage Espenschied zuschrieben, sondern weil ihr die Geduld riss – vielleicht weil der Kleine mal wieder unter lautem Protest nichts essen wollte.

Die Mutter bedauerte, „dass es kein sofortiges Eingeständnis gab, keine Entschuldigung, keine Erklärung“. Espenschied konterte, dass diese „nach den ungeheuerlichen Vorwürfen“ jedes Gespräch verweigert habe. Ihr Anwalt will in der Berufung den Zeitablauf genauer klären. Zwischen Abholen und Eintreffen beim Notarzt in der Klinik hätte auch ein anderer zuschlagen können.

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