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Wiesbaden Uferpromenade und Eiskugeln

Am Biebricher Rheinufer tummeln sich sonntags Hunderte von Ausflüglern. Der Wiesbadener Stadtteil hat auch viele Sehenswürdigkeiten zu bieten.

06.07.2016 19:14
Irmela Heß
Eine Attraktion ist der Flötenspielerbrunnen. Foto: Michael Schick

Hätte Klaus Zengerles Freundin damals keinen Petticoat getragen, wer weiß, ob das Biebricher Rheinufer heute so schön wäre und der Eissalon von Stefano Covre so beliebt, dass die Schlange manchmal 50 Meter lang ist. Klar ist aber: Die beiden Biebricher sind stolz auf die Uferanlagen, wo man so herrlich am Wasser sitzen oder mit Blick auf den Fluss spazieren gehen kann. Das war nicht immer so.

„Als ich 1960 wegen der Liebe nach Biebrich zog, zeigte meine Freundin mir stolz das Rheinufer“, erinnert sich der 76-jährige Zengerle, der aus dem Schwarzwald stammt. „Aber da war nur ein Weg – der so eng war, dass entgegenkommende junge Männer den Petticoat meiner späteren Frau zusammendrückten.“ Damals habe er gedacht, hier müsse unbedingt eine Promenade hin.

Nach 1984 tat sich was am Rheinufer

Auch Stefano Covre erinnert sich gut an seinen ersten Eindruck. 1984 besuchte der damals 22-jährige Italiener seinen Bruder, der am Rheinufer einen kleinen Eiskiosk führte. „In der Nähe stand ein kaputtes Haus, auf dem Uferweg lagen Obdachlose, es stank nach Industrie, war längst nicht so sauber, und ich fragte ihn, wo er denn hier gelandet sei.“ Rund zehn Jahre später wollte der Bruder zurück nach Italien. „Damals sagte er mir, es tut sich was am Rheinufer.“

Covre, der heute insgesamt 38 Angestellte hat und auch Eissalons in Mainz, Alzey und der Wiesbadener Innenstadt betreibt, übernahm damals das kleine Eisgeschäft und baute es nach und nach zu einem großen Salon aus, der nicht nur bei Stammkunden bekannt ist. Heute verkauft er an Spitzentagen 350 Kilo Eiscreme.

Auch Klaus Zengerle gehört regelmäßig zu seinen Gästen. Der Vorsitzende des 1870 gegründeten Verschönerungs- und Verkehrsvereins, der 40 Jahre bei Dyckerhoff gearbeitet hat, hat überall im größten Wiesbadener Stadtteil seine Spuren hinterlassen. Seinem ehrenamtlichen Engagement ist es zu verdanken, dass die Rheinuferpromenade heute beliebtes Ausflugsziel ist.

Erste Faltblatt-Auflage schon vergriffen

Auch die Stampfbeton-Brunnen von Eugen Dyckerhoff in der Robert-Krekel-Anlage, der Brunnen im Henkell-Park und der Flötenspielerbrunnen am Rheinufer stünden heute ohne ihn beziehungsweise den Verschönerungs- und Verkehrsverein nicht so da, das Museum für Heimat- und Industriegeschichte wäre weniger interessant und hätte keinen Treppenlift. „Alles, was ich tue, kommt aus meinem Gefühl für Biebrich. Wenn ich eine Idee habe, beginne ich bei null, entwickle ein Konzept, zeige es und bitte um Unterstützung.“ Und er bleibt dran an seinem Plan, auch jahrelang, wenn es sein muss. So war es auch mit der Rheinufergestaltung: Um seine Vorstellungen inklusive der 32 Bänke zu finanzieren, wandte er sich letztlich an den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. Mit Erfolg.

Und auch der Flötenspielerbrunnen sprudelt wieder. Die Figur hatte er eigentlich seiner Frau Ingrid für den eigenen Garten geschenkt, doch die wollte, dass er der Allgemeinheit zugutekommen solle. Jahrelang setzte sich Zengerle für den heutigen Standort am Rheinufer ein. Und erreichte sein Ziel.

Und weil er das schöne Biebrich nicht nur Einheimischen, sondern auch auswärtigen Gästen nahebringen will – pro Jahr würden rund 3000 Gäste vom Verschönerungsverein durch Führungen und andere Veranstaltungen angesprochen – , hat er ein Faltblatt mit 42 Sehenswürdigkeiten erstellt.
Neben Schloss und Mosburg, Wasserturm und Heimatmuseum sind dort auch unter anderem die Geburtshäuser von Regisseur und Oskar-Preisträger Volker Schlöndorff und dem Theologen und Philosophen Wilhelm Dilthey, aber auch die älteste Schule Biebrichs aufgezählt. Im September 2015 wurden 2500 Exemplare gedruckt, die nächste Auflage ist bereits in Arbeit.

Zengerle und Covre fühlen sich sehr wohl in Biebrich, wo nicht nur das Rheinufer schöner, sondern auch die Luft besser ist als früher, wo man sich trotz der Größe des Stadtteils noch kennt, wo die Atmosphäre und die Mischung der sozialen Schichten stimmt, wo viele Geschäftsleute, Bürger und Industriebetriebe gut zusammenarbeiten.

Wo es aber auch Entwicklungen gibt, die beide mit Sorge betrachten. Die Mieten steigen so stark, dass kleine Betriebe aufgeben müssen. Nachfolger seien oft Spielsalons, Wettbüros oder Friseure, deren Chefs sich meist nicht in die Interessengemeinschaft der Biebricher Geschäftsleute integrierten. Und noch etwas stört Zengerle und Covre: der starke Verkehr auf der Rheingaustraße. „Die Straße am Rheinufer kriegen wir nicht weg“, sagt der Gelatier, „aber es wäre gut, wenn sie wenigstens an Wochenenden und Feiertagen verkehrsberuhigt wäre.“ Trotzdem zeigt der gebürtige Italiener „seinen“ Stadtteil gerne Gästen aus Italien und ist schon ein wenig stolz, wenn sie sagen: „So schön hatte ich mir Deutschland nicht vorgestellt.“

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