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Wiesbaden Trost zu später Stunde

An Feiertagen und in der Nacht ist die Einsamkeit am größten. Das Café Nachtlicht öffnet samstagabends seine Türen, um Menschen in Krisen zu unterstützen.

Im Café Nachtlicht wird jeder herzlich empfangen. Foto: Michael Schick

Kalt ist es draußen, ungemütlich. Doch das unbehagliche Gefühl verfliegt, sobald der Besucher die Tür des Wiesbadener „Café Nachtlicht“ öffnet. Ein fröhliches „Hallo“ ertönt aus vielen Kehlen gleichzeitig. Kurze Zeit später hält der Gast eine Tasse Tee in der Hand, das Gebräu sorgt für einen besonders warmen Empfang.

Das Café Nachtlicht ist kein kommerzielles Café. Es wurde von Menschen mit Psychiatrieerfahrung als Projekt der Selbsthilfe ins Leben gerufen. Während der Woche wird die Psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle Wiesbaden Ost des Evangelischen Vereins für innere Mission in Nassau (Evim) tagsüber von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen als Treffpunkt und Tagesstätte genutzt. Samstagabends werden die Räume zu einem offenen Treff, zwei Ehrenamtliche sind dann vor Ort und begleiten die Menschen.

Für Getränke oder Knabbereien müssen Besucher nichts zahlen. Sie können sich zu anderen setzen, sich in Gespräche einklinken, zuhören. Es gibt keine festen Grüppchen, die unter sich bleiben wollen. Jeder kann mit jedem sprechen. Oder für sich schweigen, ganz wie er möchte.

Fabian ist an diesem Abend zum ersten Mal im Café Nachtlicht. Erst am Tag zuvor ist er aus einer Psychiatrischen Klinik entlassen worden. Zwei Monate lang wurde er dort wegen einer Psychose behandelt. Jetzt wartet er auf einen gesetzlichen Betreuer, darauf, wie es mit ihm weitergeht, auf eine Perspektive. Untergekommen ist er in einem kleinen Zimmer in Wiesbaden, in dem er Angstzustände bekomme, erzählt er. Deswegen sei er froh, rauszukommen, deswegen habe er sich zu einem Besuch des Cafés entschlossen.

Der 34-Jährige ist nicht der einzige Cafébesucher mit einer langen Krankheits- und Leidensgeschichte. Auch Hans-Jürgen kennt die Krisen, die ihn wieder und wieder heimsuchen, die ihn verzweifeln und des Lebens überdrüssig werden lassen. Der 64-Jährige leidet seit Jahren an Depressionen. Das einzige, was im hilft, so erzählt er offen, sei, sich mit anderen zu treffen, sich zu beschäftigen, zum Beispiel mit Fotografie. Mehrmals war er abends bereits Gast im Café Nachtlicht. Das sei besser, als die Telefonseelsorge anzurufen. „Das ist mir zu anonym.“

Mit am Tisch, an dem sich mittlerweile neun Männer und Frauen eingefunden haben, sitzen auch Esther Sommer und Daniela Hirsekorn. Die beiden Frauen gehören zum Team des Cafés, das von Ehrenamtlichen betrieben wird – von Menschen, die selbst einmal eine psychische Erkrankung hatten oder die einfach nur anderen helfen wollen.

Daniela Hirsekorn ist der einzige sogenannte Profi im Team. Die Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie ist hauptberuflich Leiterin des Sozialpsychiatrischen Dienstes und Psychiatriekoordinatorin der Stadt Wiesbaden. Sie kümmert sich täglich um Menschen mit psychischen Krankheiten. Und doch ist sie einmal im Monat ganz privat im Café Nachtlicht anzutreffen. „Weil es wichtig ist, Menschen vor allem am Wochenende einen Ort anzubieten, an dem man nicht alleine sein muss“, sagt sie. „Am Wochenende ist die Not am größten.“

Ein Krisendienst rund um die Uhr wie in Berlin existiert in Hessen nicht. Tagsüber gibt es für Menschen in akuten Krisen Anlaufstellen wie beispielsweise den Sozialpsychiatrischen Dienst oder die psychosozialen Kontaktstellen verschiedener Träger. „Aber nachts, da bleiben die Menschen mit ihren Sorgen und Gedanken alleine.“ Wer es nicht alleine schaffe, dem bleibe nur der Gang in eine Klinik.

Esther Sommer kennt diese langen Nächte, diese wiederkehrenden trüben Gedanken, die einen nicht schlafen lassen. „Vor 30 Jahren war ich selbst einmal in einer solchen Situation. Und da wäre ich froh gewesen, wenn es ein solches Angebot gegeben hätte“, sagt sie. Deswegen sei es für sie selbstverständlich, nun für andere da zu sein, zuzuhören.

Bereits kurz nach seiner Ankunft erzählt ihr Fabian aus seinem Leben. Er erzählt, dass seine Mutter seit einem Jahr verschollen ist. Er berichtet von zahlreichen Umzügen, von seiner Heimatlosigkeit und der Sehnsucht, endlich irgendwo anzukommen. Als er kurz vor Mitternacht nach Hause geht, verspricht er wiederzukommen. Man bekomme viel Belastendes zu hören, erzählt Esther Sommer später. Umso wichtiger sei es, sich abzugrenzen.

Es gibt nur wenige Regeln, die die Cafébesucher einhalten müssen: Alkohol und Drogen sind tabu, Gewalt ebenfalls. Ansonsten ist hier jeder herzlich willkommen. Von 20 bis 2 Uhr hat das Café geöffnet, und ginge es nach den Ehrenamtlichen, müsste es noch viel länger und vor allem öfter geöffnet sein. „Ursprünglich war geplant, täglich zu öffnen. Doch dazu haben wir leider zu wenige Ehrenamtliche“, sagt Hirsekorn.

Am 31. Dezember werden die Fenster des Café Nachtlicht wieder hell erleuchtet sein, wieder werden jede Menge Süßigkeiten und Knabbereien auf den Tischen stehen. Wieder wird es Gespräche geben, es wird gespielt und gelacht. Einige der Stammgäste haben bereits angekündigt, vorbeizuschauen. An Feiertagen ist die Einsamkeit am größten.

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