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Wiesbaden Stadtmuseum frisst Kultur

Ein „Milliönchen“ fehlt, um die Betriebskosten für das Stadtmuseum zu decken. Jetzt ist bekannt, wo der Rotstift angesetzt werden soll, um das „Milliönchen“ zusammenzubekommen.

Theater ums Theater: Das Haus in der Spiegelgasse 9 sucht neue Mieter. Foto: Michael Schick

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Bereits am Mittwochabend hat sich die Große Koalition geeinigt, wo Kulturdezernentin Rose-Lore Scholz (CDU) den Rotstift ansetzen soll, um aus ihrem Etat „das Milliönchen“ herauszuschneiden, das noch für die Finanzierung der Betriebskosten des Stadtmuseums fehlt.

„Das Milliönchen“, wie es die kulturpolitische Sprecherin der Grünen im Rathaus, Dorothea Angor, im am Mittwochabend Kulturausschuss nannte, soll durch Verzicht auf die Mitgliedschaft im Kulturfonds Rhein-Main (gut 500 000 Euro pro Jahr), den Verzicht auf den Kunstsommer (125 000 Euro pro Jahr) und den Verzicht auf das Pariser Hoftheater (180 000 Euro pro Jahr) erreicht werden.

In Summe sind das zwar erst gut 805 000 Euro, die Differenz zum Milliönchen werde laut SPD-Fraktionschef Christoph Manjura sicherlich noch in den anstehenden Haushaltsplanungen überbrückt.

Manjura ist sauer, dass die Liste vorzeitig über den Wiesbadener Kurier an die Öffentlichkeit gelangt ist. „Eigentlich war eine Erklärung für Mittwoch geplant“, so Manjura. Auch die Grünen, die aus der Presse von der bislang nur der Großen Koalition bekannten Liste erfahren haben, sind entsetzt: „Nun kommt die Wahrheit endlich ans Licht: Wegen des teuren Mietmodells beim Stadtmuseum muss die Kulturvielfalt bluten“, sagt Angor.

Ausstieg aus Kulturfonds

Manjura hält den Ausstieg aus dem Kulturfonds für eine gute Idee. „Ich muss den Gesamthaushalt im Blick haben“, sagt er. Der Kulturfonds fördere vor allem das Landesmuseum, Staatstheater und das Rheingau-Musik-Festival. Der Ausstieg leiste einen großen Beitrag zur Kostendeckung und sei vergleichsweise schonend für die kleinen Kultur-Initiativen.

Ex-OB Helmut Müller, heute Chef des Kulturfonds, bedauert die Entscheidung der Großen Koalition: Der Kulturfonds habe nicht nur die großen Institutionen, sondern auch eine ganze Reihe von Projekten in der Landeshauptstadt gefördert. „Darunter Bildungsprojekte an Schulen, der International Youth Circus mit 130 000 Euro, das Literaturhaus und viele andere“, so Müller.

Laut Müller hat die Stadt im Laufe ihrer erst zweijährigen Mitgliedschaft bereits 2,05 Millionen Euro erhalten. Dazu komme eine Einmalzahlung aus dem Jahr 2009 in Höhe von 750 000 Euro für eine große Ausstellung im Landesmuseum. In Summe 2,8 Millionen Euro. „Eingezahlt hat Wiesbaden 1,6 Millionen Euro“, so Müller. „Zahlreiche durch den Kulturfonds ermöglichte Projekte werden wegfallen. Das ist ein kultureller Kahlschlag sondergleichen“, kommentiert Angor, unter anderem seien das „exground“-Filmfestival bedroht, die Reihe „Wiesbaden tanzt“, das Fernsehkrimi-Festival oder das Inklusionsfestival.

Die Kulturdezernentin Rose-Lore Scholz (CDU) betont auf Anfrage, dass der Austritt aus dem Kulturfonds von der Großen Koalition beschlossen worden sei und sie das sehr bedauere. „Damit verzichtet Wiesbaden auf viele Veranstaltungen von überregionaler Bedeutung“, sagt sie. Der Kulturfonds fördere ausdrücklich nicht nur die großen Institutionen, das Engagement reiche viel tiefer in die Stadt hinein.

„Letztendlich wird der Ausstieg aus dem Kulturfonds noch einmal Teil der im Frühjahr anstehenden Haushaltsberatungen sein.“ Das Geld ausschließlich bei den kleinen Initiativen einzusparen, sei aber auch keine Option.

Eine dieser Initiativen war Pariser Hoftheater. Wie es mit der Kleinkunstbühne in der Spiegelgasse weitergehen soll, ist unklar. Die Betreiber hatten im August wegen „der dauerhaft angespannten finanziellen Lage“ aufgegeben. Seitdem haben sich neun Initiativen um die Weiterführung bei der Stadt beworben.

Geschäftsführer der WIM Liegenschaftsfonds GmbH, Eric Schaab, bestätigte auf Anfrage der FR, dass es einige Bewerber für das Theater, das 3000 Euro Kaltmiete kosten soll, gäbe. „Es handelt sich sich bei allen Bewerbern um etablierte Kulturinstitutionen aus Wiesbaden, die jedoch auch nicht ohne einen Zuschuss der Stadt die Liegenschaft übernehmen wollen“, sagt Schaab.

Es sei nun an der Stadt, sich für einen neuen Mieter zu entscheiden. Ein Bewerber ist das Kuenstlerhaus43. Sofort nachdem bekannt wurde, dass die Betreiber des Pariser Hoftheaters aufgeben, „haben wir bei Frau Scholz auf der Matte gestanden“, sagt Wolfgang Vielsack vom Kuenstlerhaus43.

Neun Bewerber für Pariser Hoftheater

Damals habe sich Scholz über das Angebot der freien Künstlerinitiative noch gefreut, so Vielsack. Da nun der einst fürs Hoftheater gedachte Zuschuss für das Stadtmuseum verwendet werden soll, bleibt Vielsack und seinen Mitstreitern keine Chance mehr, das Theater zu übernehmen.
Vielsack beschwert sich über die „Hinhaltetaktik“.

„Nach der Abgabe unserer Bewerbung sind wir nur noch vertröstet worden“, sag er. Das habe die Initiative verunsichert. „Wir haben in Briefen und Mails an alle Fraktionen immer wieder nachgefragt, was mit dem Theater und dem Geld passieren soll, aber keine Antwort bekommen.“

In der Sitzung des Kulturausschusses wollte er die Bürgerfragestunde nutzen, um Klarheit zu bekommen. Ausschussvorsitzender Hans-Peter Schickel (SPD) fertigte die 15 Vertreter des Kuenstlerhaus43 mit den Worten, „das ist nicht mehr Sache des Kulturausschusses“ ab. Das Pariser Hoftheater sei kein Theater, sondern nur noch eine Liegenschaft.

„Wir wurden einfach glattgebügelt, ich bin so enttäuscht“, sagt Vielsack. Dass der Zuschuss für das Pariser Hoftheater nun in die Miete des Stadtmuseums fließen soll, erfährt Vielsack erst im Gespräch mit der FR. Daraufhin kann er seine Enttäuschung nicht mehr in Worte fassen und schluchzt. „Die haben uns angelogen und mich zum entschiedenen Gegener des Stadtmuseums gemacht. Wenn wir Künstler in der freien Szene uns jetzt nicht wehren, dann war es nicht das letzte Theater, das schließt.“

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