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Wiesbaden Sprache als Schlüssel

Beim Wiesbadener Flüchtlingsrat lernen Asylbewerber Deutsch. Nach Angaben des Amts für soziale Arbeit sind derzeit mehr als 350 Personen in Wiesbaden mit Deutschkursen unversorgt – Tendenz steigend. Der Flüchtlingsrat sucht deshalb freiwillige Lehrer.

17.09.2014 17:19
Jana Kinne
Die „Schüler“, hier Mehari Allem aus Eritrea, schreiben auch Tests.

Es dauert einen Moment, bis Ruhe einkehrt. Der siebenjährige Jorjes flitzt noch herum. Seine Mutter Rama Lahdo hat sich hingegen schon konzentriert über ihren Test gebeugt, füllt Aufgaben zu Nominativ und Akkusativ, Artikeln und Pluralendungen aus. Marian Steinbacher klatscht in die Hände: „Ruhe“, ruft er.

Marian Steinbacher hat Lehramt studiert. Er weiß theoretisch, wie ein Unterricht ablaufen muss. Und doch sind die Deutschstunden beim Wiesbadener Flüchtlingsrat auch für ihn etwas Besonderes: „Mich hat der Unterricht von Deutsch als Fremdsprache interessiert“, erklärt er seine Motivation, Asylsuchenden drei Stunden in der Woche Deutschunterricht zu erteilen.

Für Flüchtlinge keine Selbstverständlichkeit

Er ist einer von zwölf ehrenamtlichen Lehrern, die seit Juni beim Wiesbadener Flüchtlingsrat unterrichten. Zehn Schüler sind in Marian Steinbachs Gruppe. Insgesamt haben sie sechs Stunden Deutschunterricht pro Woche, was nicht selbstverständlich ist: Marian Steinbachs Schüler befinden sich noch im Asylverfahren, haben eine Aufenthaltsgestattung und damit keinen Rechtsanspruch auf einen Sprachkurs.

Zwar bietet auch der Sozialdienst Asyl Deutschkurse an. Laut dem Amt für soziale Arbeit sind jedoch derzeit mehr als 350 Personen mit Deutschkursen unversorgt – Tendenz steigend, weil mehr Menschen kommen und die Kapazitäten erschöpft seien.

So sind die Deutschkurse des Flüchtlingsrats für Rama Lahdo und ihre Mitschüler die einzige Chance, institutionell Deutsch zu lernen. Für Lahdo ist diese Möglichkeit extrem wichtig. „Bevor ich aus Syrien fliehen musste, habe ich in Aleppo Englisch studiert“, erzählt sie. Gerne würde sie hier weiterstudieren. Doch dafür sind gute Deutschkenntnisse und die Aufenthaltsgenehmigung der Schlüssel.

Seit Juni haben Rama Lahdo und ihre Mitschüler sich Basiskenntnisse angeeignet: „Ich komme aus dem Irak“, „Marian spricht Deutsch“, „Es ist Viertel vor sieben“ sind Sätze, die keine Probleme mehr bereiten. Doch schon allein diese helfen im Alltag weiter. „Zudem haben wir durch den Sprachkurs die Chance, die Asylsuchenden über ihre Rechte aufzuklären und sie zu beraten, wenn sie Probleme im Asylverfahren haben“, sagt René Rumpf vom Flüchtlingsrat, der die Sprachkurse organisiert.

Gerne würde der Flüchtlingsrat noch weitere Kurse anbieten. Mehr als 15 Personen stehen schon auf einer Warteliste für den nächsten Kurs. Doch es mangelt an Räumen und freiwilligen Lehrern: „Leute, die Lust haben, sich als Deutschlehrer einzubringen, können sich gerne bei uns melden“, sagt Rumpf. Ein Lehramtsstudium, wie es Marian Steinbacher absolviert hat, sei dafür keine Voraussetzung.

„Ich lerne selbst sehr viel durch den Unterricht“, sagt Marian Steinbacher. Er nimmt den Unterricht sehr ernst. Auch wenn es kein Zertifikat für seine Schüler am Ende des Kurses gibt, lässt er sie einen Test schreiben: „Für mich ist das eine Kontrolle, wie das Niveau ist und woran wir noch arbeiten müssen“, sagt er. Da lässt er dann bei der Prüfung auch kein Privatgespräch durchgehen: „Seid ihr fertig. Nein? Warum wird denn dann geredet?“, ermahnt er seine Schüler, die aus Syrien, dem Irak und Eritrea kommen.

Als die Prüfung vorbei ist, ist es wie in wohl jedem Kurs: Rama Lahdo und die anderen atmen auf und halten ein Schwätzchen. Steinbacher gönnt ihnen fünfzehn Minuten Pause. Dann geht es weiter: Lokale Präpositionen stehen auf dem Lehrplan.

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