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Wiesbaden Professor kämpft um IS-Waise

Der Sozialmediziner Gerhard Trabert von der Wiesbadener Hochschule Rhein-Main legt sich in Mossul wegen eines vierjährigen Waisenkindes mit dem dortigen Militär an.

Hilfe für Menschen in Mossul
Gerhard Trabert schaut mit Khadeja die „Sendung mit der Maus". Foto: Privat

Die Geschichte von Khadeja rührt im Internet Hunderte von Menschen. Khadeja ist ein vierjähriges Mädchen, das irakische Soldaten nach den Kämpfen um Mossul vor wenigen Tagen aus einem Erdloch gezogen haben. Der kleine Rotschopf ist das Kind tschetschenischer Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates. Die Erschießung der Mutter muss es hautnah miterlebt haben. Auch der Vater ist tot. Irakische Militärs wollten das Mädchen nur kurz in der mobilen Medizinstation der deutschen Hilfsorganisation Cadus untersuchen lassen, um es später fortzubringen.

Dass dies nicht geschah, sondern Khadeja in die Hände der internationalen Hilfsorganisation „Save the children“ gegeben wurde, ist dem Sozialmediziner Gerhard Trabert, Professor an der Wiesbadener Hochschule Rhein-Main, und dem Team des mobilen Krankenhauses Cadus zu verdanken. „Bei Recherchen ist nie belegt, wo die unbegleiteten Kinder eigentlich hinkommen“, sagt Trabert, „das entspricht nicht internationalem Recht.“ Was die irakische Armee mit den elternlosen Kindern mache, sei völlig intransparent. „Ohne dies behaupten zu können, ist die Vermutung nicht abwegig, dass sie nicht kindgerecht und nicht nach internationalen Standards betreut werden.“ Trabert hat Khadejas Geschichte auf seiner Internetseite bekanntgemacht.

Als Mediziner im umkämpften Mossul 

Der 61-Jährige unterstützt seit 25 Jahren unterschiedliche Hilfsorganisationen in aller Welt. Vom 15. bis 23. Juli machte er in der mobilen Versorgungsstation in Mossul Dienst, in unmittelbarer Frontnähe, und behandelte Soldaten und Zivilisten. Cadus dürfe die mobile Medizinstation nach Absprache mit der neunten Division der irakischen Streitkräfte, die den Kampf gegen den IS um Mossul führt, betreiben, berichtet Trabert. Als er dort begonnen habe, sei Mossul so gut wie befreit gewesen. Seine Patienten seien Soldaten gewesen, die in Sprengfallen getreten oder von Granaten getroffen worden waren. Und Bewohner der ausgebombten Stadt, die nach der langen Gefangenschaft durch den IS ausgehungert und traumatisiert seien und an diversen, leicht behandelbaren Erkrankungen litten. Trabert hat viel Trauriges erlebt: einen Zehnjährigen, der in eine Sprengfalle geraten sei und mit Brandverletzungen an Oberkörper und Kopf versorgt werden musste; ein anderthalbjähriges behindertes Kind, das einfach aufgehört habe zu atmen.

Khadeja wird dem Sozialmediziner jedoch besonders in Erinnerung bleiben. Denn Trabert und ein Kollege haben tagelang heftig um den Verbleib des Mädchens mit Vertretern des irakischen Militärs gerungen und sogar damit gedroht, das mobile Krankenhaus abzuziehen, wenn sie Khadeja nicht einer geeigneten Kinderhilfsorganisation übergeben könnten. Hochrangige Militärs wollten das Mädchen jedoch unbedingt „fortbringen“, mit dem Hinweis, dass ein Kind von IS-Kämpfern zwangsläufig zum Terroristen werde. Trabert, der auch Sozialarbeiter ist, habe entgegnet, dass Kinder, die in einer liebevollen Umgebung aufwachsen, gute Chancen auf ein friedfertiges Leben hätten. Schwerbewaffnete Soldaten hätten das Kind zwar geholt, berichtet Trabert, doch nachdem die Helfer schon dabei waren, die medizinischen Gerätschaften einzupacken, wieder zurückgebracht.

Vier Tage hätten die Verhandlungen gedauert. Einige Tage habe das von Alpträumen geplagte und nach der Mama rufende Kind bei ihm und den Kollegen auf dem mobilen Stützpunkt verbracht, erzählt Trabert. Zum Zeitvertreib habe er mit dem Mädchen „Die Sendung mit der Maus“ geschaut, andere luden Comics herunter. Schließlich gaben die Militärs nach; Khadeja konnte in die Obhut zweier Sozialarbeiterinnen von „Save the Children“ übergeben werden. Das Kind habe ihn aber nicht verlassen wollen und sich an ihn geklammert. „Ich hatte Tränen in den Augen“, sagt Trabert und verspricht: „Ich werde den Kontakt halten.“

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