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Wiesbaden „Ohne Markt, des geht gar net“

Der Wochenmarkt ist ein Umschlagplatz nicht nur für Obst und Gemüse. Am Samstag feiert der Treffpunkt seinen 40 Geburtstag.

40 Jahre Wochenmarkt
Am Stand von Marion Rmichi gibt es Ost und Gemüse - vorwiegend regional. Hier verkauft Mitarbeiter Georg Stemmler (rechts) Birnen. Foto: Michael Schick

Er residiert im Herzen der Stadt, er ist das Herz der Stadt. Hier beginnt es immer wieder mittwochs und donnerstags zu pulsieren. Der Wochenmarkt auf dem Dern’schen Gelände im Rücken der mächtigen Marktkirche und des Rathauses ist eine Institution. „Ohne Markt, des geht gar net, da würde was fehlen“. Sagt Brigitte Leopoldine Schneider im schönsten Frankfurter Idiom. Eine Eingeplackte, die den Markt so sehr schätzt wie die Einheimischen und immer mehr Touristen, die das besondere Flair der Landeshauptstadt kennenlernen wollen. Später wird sie als „Lisbeth“ im historischen Gewand mit Gefolge über das Pflaster spazieren, über mehr als 700 Jahre Marktgeschichte plaudern und ihren Zuhörern kleine Marktgeheimnisse enthüllen.

Denn zum Schwätzen ist er auch da, so ein Markt. Muss ja einen Grund geben, warum die Marktweiber oft bestens informiert sind. Vertrauen gegen Vertrauen, Ware gegen Nachrichten. Der Markt ist ein Umschlagplatz nicht nur für Obst und Gemüse, immer auch für Neuigkeiten, Nettigkeiten, bisweilen auch Lästereien. Ein Treffpunkt für Menschen, die sich an Markttagen im analogen Zeitalter wohlfühlen. Kunden im freundlichen Gespräch mit Verkäufern, das ist hier üblich. Lässig, locker, Dirndl und Lederhose treffen modisch durchlöcherte Jeans und klassischen Chic. Samstags geht man für mehr als nur den Einkauf „uff de Markt“. In den warmen Monaten etwa, wenn die Wiesbadener Winzer ihren Riesling ausschenken. „Einfach mal hinsetze und de Leut zugucke“, so ein älterer Herr, ist auch ein Grund zum Kommen.

Wenn ab 7 Uhr die ersten Kunden eintreffen, ist Ellen Schäfer schon drei Stunden auf den Beinen. Gemüse ist ihr Metier, alles in der Gärtnerei in Schierstein angebaut. Ja, auch die Jalapeños und die grünen Tomatillos, die eigentlich in Mexiko wachsen. Familiäre Verbindungen haben das Saatgut nach Schierstein gebracht, ein bisschen Exotisches darf es auch sein am Stand der Schäfers. „Das kommt sehr gut an, die Leute vertrauen uns“, sagt Ellen Schäfer. Fast 80 Prozent der Besucher am Stand seien Stammkunden. Die freundlich-herzliche Frau ist nebenbei noch als Marktsprecherin aktiv. Seit 29 Jahren ist sie dabei, einige Kunden kommen schon genau so lange an ihren Stand.

Und manche noch länger zu den Kollegen. „40 Jahre Wiesbadener Wochenmarkt – natürlich gut!“ wurde am Samstag gefeiert, mit Koch-Show und Handkäs-Salat, für den der Oberbürgermeister und der Wirtschaftsdezernent die Zutaten vor großem Publikum vorbereiten mussten. Die Grie Soß als Pesto dazu, die aus dem Ganzen eine gewagte Fusion machte, steuerte Koch-Entertainer Reiner Neidhart bei. Aber so ist er auch, der Markt. Tradition und Innovation, ein friedliches Miteinander. Hier herkömmliche Obst- und Gemüsestände mit regionalen Waren, Honig vom Imker aus der Stadt und Süßer von einem, der sich „de Mostbauer“ nennt. Dort hippe Currywurst-Manufaktur, Fünf-Sterne-Käse-Tempel und Spezialisten für Gluten- und Laktosefreie Nahrung. Mittendrin die mobile Kaffeebar und die Winzer neben dem Herrn, der Sauerkraut, eingelegte Bohnen und Gewürzgucken aus dem Fass zum hausgemachten Senf anbietet.

Die Lisbeth als Bindeglied zwischen Mittelalter und Neuzeit kann mit den Veränderungen so gut umgehen wie die Wiesbadener, die ihren Markt lieben. Bei ihrer Tour kommt sie auch am Stand von Katja, Lisa und Karen vorbei, die als „Kalika“ firmieren. Neue Ideen im alten Marktfrauen-Gewand. Unverkauftes Gemüse geht an Foodsharing-Initiativen, Erlöse aus dem Verkauf selbst kreierter Marmeladen an Projekte zur Befreiung der Weltmeere von Plastikmüll.

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