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Wiesbaden Offen für Nachbarschaft

Das Wohnprojekt „Horizonte“ möchte das Wiesbadener Quartier Weidenborn aufmischen.

Wohnexperiment Horizonte
Horizonte: gemeinsames Wohnen im neuen Quartier Weidenborn. Foto: Rolf Oeser

Elisabeth Krauss hat ihren ersten sonntäglichen Spieleabend angeboten. „Wir waren sechs Personen, ein Nachbar von außerhalb war auch dabei“, sagt das Mitglied des Wohnprojekts „Horizonte“. Auch ihre Mitbewohnerin Birgit Berg ist ganz beglückt. „Ich habe eine Frau aus dem Viertel im Bus getroffen, sie möchte wiederkommen“, sagt sie. Am Tag der offenen Tür eine Woche zuvor wurden erste Kontakte mit den Nachbarn geknüpft. Es sieht so aus, als würden ihre Pläne, im Viertel für ein soziales Miteinander zu sorgen, aufgehen. Die Frauen wirken ganz euphorisch.

Dabei herrscht noch ein wenig Umzugsatmosphäre im Haus Brunhildenstraße 43. Im Juni und Juli bezogen die 14 Mitglieder des Wohnprojekts „Horizonte“ ihr nagelneues Domizil im Neubauquartier Weidenborn. Böden, Wände, Einrichtung - alles atmet noch den Duft des Neuen. Jedes Mitglied lebt in einer eigenen kleinen Mietwohnung. Barbara Hase hat noch nicht alle Kisten ausgepackt. Einer ihrer Mitbewohner bekam kürzlich erst seine neue Küche.

Im Wohnprojekt Horizonte finden Menschen ab der Lebensmitte, die nicht einsam altern möchten, zusammen. „Ich bin alleine, habe keine Kinder und suchte eine Wohnform mit Gleichgesinnten“, erzählt Ingrid Nensel, 67. „Wir möchten auch selbstbestimmt altern und so lange wie möglich mit Hilfe der anderen in den eigenen vier Wänden leben“, berichtet Heidi Diemer (68), die „Horizonte“ mit anderen Personen vor fünf Jahren gründete, von den Zukunftsvorstellungen der Gruppe.

Einsam sind Nensel und Diemer nun gewiss nicht mehr. Im großen Gemeinschaftsraum tauchen an jenem Nachmittag im August etliche andere Mitbewohner auf. Sie wirken voller Tatendrang. Es geht ihnen nicht nur darum, sich umeinander zu kümmern. Sie möchten ins Viertel hineinwirken und Veranstaltungen wie Qi-Gong oder Konzentrationstraining für die Weidenborn-Bewohner anbieten oder eben einen Spieleabend. „Mit Power und Freude in die dritte Lebensphase starten“ steht auf dem Programm-Flyer.

Die Nachbarn in den schmucken Stadtvillen nebenan kennen sich meist nicht. Seit 2006 wurden etwa 70 Gebäude mit insgesamt 777 Wohnungen neu errichtet, nachdem die alten Häuser aus den 1950er und 1960er Jahren wegen zu großer Sanierungsbedürftigkeit abgerissen worden waren. Die letzten Gebäude stehen kurz vor der Fertigstellung. „Wir sind alle ganz happy, das Wohnprojekt bereichert das Viertel“, sagt Alexandra May, Sprecherin der GWW Wiesbadener Wohnbaugesellschaft, die für den Bau des Quartiers verantwortlich ist.

Das Wohnprojekt zu stemmen war nicht ganz einfach. Wiesbaden hinke bei solchen Projekten der Entwicklung in anderen Städten hinterher, berichtet Diemer. Schwierig sei nicht unbedingt die Suche nach einer geeigneten Immobilie gewesen. Die GWW habe sich durchaus kooperativ gezeigt. Die Wiesbadener aber könnten mit alternativen Wohnformen noch nicht viel anfangen.

„Wir hatten Probleme, die 14 Bewohner zusammenzukriegen“, sagt Diemer. Der Andrang sei nicht gerade groß. Ein weiteres Problem sei das Alter. „Ich hatte zu Beginn gehofft, eine der Ältesten zu sein“, sagt sie. Aber es hätten sich keine 50-Jährigen gefunden, die mitmachen wollten. „Wir haben dann festgestellt, dass die 70-Jährigen heute fit sind“, sagt sie. Die Altersspanne im Wohnprojekt reicht von 58 bis 90 Jahren. Aber das hat dem Programm nach zu beurteilen wohl wirklich nicht viel zu sagen. Die Horizonte-Bewohner bieten so interessante Kurse wie Latin Dance Line und Improvisationstheater an.

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