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Wiesbaden Naturschutz Seltene Schönheiten

Forschungsergebnisse zu Flora und Fauna im Kostheimer Floßhafen erstaunen Biologen. Der Hafen ist ein außergewöhnliches Refugium für bedrohte Tiere. Eine Anbindung des Areals an den Main, wie sie diskutiert worden ist, würde es gefährden.

Manchmal ist die Natur eben wenig malerisch, dafür aber gesund. So wie hier am Ende des alten Floßhafens in Kostheim. Foto: Michael Schick

Die Natur kann man getrost sich selbst überlassen, das regelt sich alles schon von allein. Es sei denn, der Mensch hat irgendwie Interesse an dem Stück Natur – so wie am alten Floßhafen in Kostheim. Im Sommer brummen hier Motorboote, Ausflügler radeln am Ufer entlang und in direkter Nachbarschaft sollen auf dem Linde-Areal hochpreisige Wohnungen mit Blick aufs Wasser gebaut werden.

Die sich bislang selbst überlassene Natur lässt den toten Seitenarm des Rheins allerdings immer weiter verlanden. „Diese Entwicklung beobachten wir schon seit 30 Jahren“, so Joachim Mengden, Leiter des Umweltamts. Besonderen Handlungsbedarf sehen hier laut Mengden die Wassersportler, deren Fahrrinne für die Motorboote von Jahr zu Jahr kleiner und flacher wird. So flach, dass Boote in Zeiten extremer Trockenheit auf Grund laufen.

„Auch im Interesse der zukünftigen Anwohner haben wir uns entschlossen, hier tätig zu werden. Das geht aber nicht ohne fundierte Kenntnisse über die möglichen Umweltfolgen“, sagt Mengden. Deshalb hat das Umweltamt bei den Biologen Egbert Korte und Stefan Staas ein Gutachten zur Umweltverträglichkeit möglicher Eingriffe in die Landschaft in Auftrag gegeben.

Korte und Staas stellten das Gutachten am Dienstagabend im Umweltausschuss vor. Ihr – auch für die Gutachter selbst überraschendes – Urteil: „Bei dem alten Floßhafen handelt es sich um ein außergewöhnliches Refugium für bedrohte Tiere. 14 bei unseren Forschungen gefundene Tierarten stehen auf der Roten Liste“, berichtet Egbert Korte, Experte für wirbellose Tiere.

Karausche ist der Star

„Im alten Floßhafen sind besonders viele einheimische Tierarten zu finden. Die internationale Frachtschifffahrt hat Rhein und Main mit ausländischen Arten wie der Korbmuschel überschwemmt. Die gibt es hier aber so gut wie gar nicht“, sagt Korte.

Stefan Staas, Experte für Fische, ist nicht minder begeistert. „Neben weit verbreiteten Fischarten wie dem Rotauge haben wir hier auch Hechte, Welse, Karpfen und Barsche nachweisen können“, sagt er. Unter den nachgewiesenen Fischen sei auch eine Karausche gewesen, eine Fischart aus der Familie der Karpfenfische. „Das ist eine wirkliche Sensation. Wir fischen wirklich viel und wenn wir alle drei bis vier Jahre mal eine Karausche fangen, dann ist das ein echtes Highlight“, ergänzt Korte.

Fünf bis zehn Prozent der nachgewiesenen Fischarten seien auf Auen-Lebensräume wie den Floßhafen angewiesen: fast stehendes Gewässer, flaches Ufer, feines Substrat, viele Wasserpflanzen. „Fünf Prozent ist ein wahnsinnig hoher Wert. Normal ist etwa ein Prozent“, sagt Staas.

Aufgrund ihrer Forschungen sprechen sich die Biologen rigoros gegen einen der möglichen Pläne aus, wie die Stadt mit dem Floßhafen verfahren könnte: Die lange vor allem aus optischen Gründen als attraktiv angesehen Variante der Anbindung an den Main und damit die Verwandlung in einen Fluss ist damit passé. „Das hätte sowieso nicht viel gebracht. Im Gegenteil, der Sedimenteintrag wäre noch stärker geworden“, sagt Mengden.

Diese Meinung stützt auch Korte. Zudem seien auch augenscheinlich weniger attraktive Bereiche wie das flache, im Sommer oft austrocknende Ende ökologisch wertvolle Lebensräume.

Unschädlich für das Ökosystem wäre laut Staas und Korte, einen Teil des Arms für die Sportboote auszubaggern und das Nordufer des hinteren Teils für die geplante Wohnbebauung zu befestigen. „Das Südufer könnte mit Flachwasserzonen naturnah gestaltet werden. So wäre allen geholfen“, sagt Mengden.

Bis es so weit ist, fließe aber noch viel Wasser den Rhein runter. „Wir müssen weitere Planungen mit den Ortsbeiräten, Vereinen, dem Stadtplanungsamt und den Wasserbehörden abstimmen und gegebenenfalls noch Förderungen beim Bund beantragen. Renaturierungsarbeiten können ziemlich teuer werden“, sagt Mengden.

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