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Wiesbaden Nationalsozialismus Keine Zeit für Beklommenheit

Seit gut fünf Jahren gibt es die Jugendinitiative Spiegelbild, die an das Schicksal der Wiesbadener Juden im Dritten Reich erinnern will. Dazu organisiert sie Zeitzeugengespräche.

Mithilfe einer neuen Homepage wollen die Mitglieder der Jugendinitiative Erinnerungen wachhalten. Foto: Rolf Oeser

Die Bibliothek des Aktiven Museums Spiegelgasse ist ein heller und freundlicher Ort. Über 6 000 Bücher, die sich im weitesten Sinne mit der deutsch-jüdischen sowie mit der Geschichte der Wiesbadener Juden befassen, stehen hier. Doch egal, wie viele Sonnenstrahlen auch durchs Fenster scheinen – beim Blick ins Regal wird man zunächst einmal ziemlich nachdenklich. „Auschwitz“ und „Das NS-Regime“ steht auf zwei dicken Bänden, die sofort ins Auge fallen.

„Eine solche Betroffenheit führt oft dazu, dass man nicht wirklich offen über Themen sprechen kann“, sagt Andrea Gotzel. Sie ist neben Jugendbildungsreferent Hendrik Harteman die einzige Vollzeit-Mitarbeiterin der Jugendinitiative Spiegelbild des Aktiven Museums. 2007 gegründet, sieht sich die Initiative als Werkstatt und Dienstleister für die Erinnerungskultur in der Stadt. Jugendliche ans Erinnern heranzuführen ist die Aufgabe von Spiegelbild.

Und zu viel Beklommenheit können weder Gotzel noch Harteman bei ihrer täglichen Arbeit mit Schülern gebrauchen. Die Jugendinitiative organisiert regelmäßig Zeitzeugengespräche, in denen Schüler etwa mit ehemaligen KZ-Insassen über deren Erfahrungen sprechen können. Das Motto ist „Bildung zur Haltung“, denn „wenn die Jugendlichen erstmal ein Gefühl und eine Haltung zur Geschichte entwickelt haben“, so Harteman, dann sei es auch einfacher, „eine politische Haltung zu entwickeln.“ Eine Haltung im Hier und Jetzt.

Neu ist in diesem Jahr neben der neuen Homepage die Teilnahme am Xenos-Bundesprogramm „Verquickt“, das Andrea Gotzel bis Ende des nächsten Jahres betreut und das sich mit Integration und Vielfalt in der Stadt auseinandersetzt. Unter dem Titel „Ge(h) denken – Task Force Migration“ sollen 30 Wiesbadener Schüler mit Themen wie Arbeitsmigration und Migrationsgeschichte konfrontiert werden. Denn solche Themen gehören in der Augen Hartemans und Gotzels genauso zur politischen Bildungsarbeit.

Fördermittel fehlen

Die Task Force könnte nun ganz konkret in etwa so aussehen, dass die Jugendlichen zum Beispiel das Stadtparlament besuchen und den dortigen Umgang mit Migration beobachten. Andrea Gotzel ist es dabei besonders wichtig, dass eine gemischte Gruppe mit Schülern aus verschiedenen Schulformen zustande kommt.

„Unsere Arbeit wird gebraucht, gefordert und gewünscht“, konstatiert Hendrik Harteman nach fünf Jahren Arbeit. Dass mit Andrea Gotzel im vergangenen Jahr zumindest befristet noch eine zweite Stelle hinzugekommen ist, sei Harteman zufolge denn auch als „Quantensprung“ zu bezeichnen. Dennoch müsse man stets schauen, aus welchen Fördertöpfen man noch weitere Gelder akquirieren könne. Die Stadt unterstützt das Projekt zwar mit 40 000 Euro im Jahr – doch reiche das gerade mal für eine Stelle. Man könnte mehr gebrauchen – zumal Wiesbaden in Hartemans Augen „eine der großen Städte Deutschlands“ sei, die „ihre Einwanderungsgeschichte nirgends richtig darstellt“.

Das nächste Projekt der Jugendinitiative wird beim Folklore-Festival Ende August zu sehen sein. Am Deportationsdenkmal Schlachthoframpe werden drei Stationen aufgebaut, in denen die Besucher erfahren können, was es heißt, fliehen zu müssen oder gefangen zu sein – oder wie es Zivilcourage zu zeigen.

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