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Wiesbaden Kostbar oder gefälscht?

Die Fernsehsendung „Kunst und Krempel“ wird im Kurhaus aufgezeichnet. Das Schema ist schlicht, hat aber auch nach drei Jahrzehnten noch seinen Reiz. Zuschauer diskutieren mit zwei Kunstexperten über ihre Familienschätze.

Porzellanexperte Samuel Wittwer inspiziert eine Vase. Foto: michael schick

Das Schema der Fernsehsendung „Kunst und Krempel“ ist schlicht, hat aber auch nach drei Jahrzehnten noch seinen Reiz: Fernsehzuschauer tragen ihre Familienschätze in einen architektonisch bedeutsamen Saal, um sich an einem Stehtisch mit zwei Kunstexperten über geerbte oder gekaufte Kunstgegenstände zu unterhalten. Zum Abschluss des Gesprächs geben die Sachverständigen dann eine Bewertung zu dem präsentierten Objekt ab und der jeweilige Besitzer kann sich wieder auf seinen Platz im Publikum setzen.

Die Besitzer der Kunstgegenstände und die beiden Experten, die über kleine Funkgeräte im Ohr unbemerkt Anweisungen von Regisseurin Claudia Schulte Langforth aus dem Übertragungswagen bekommen, treffen dabei spontan und ohne große Vorbereitung aufeinander. Die Kameras zeichnen dann immer wieder neue und auch unerwartete Geschichten auf.

Am vorigen Wochenende war ein Fernsehteam des Bayerischen Rundfunks (BR) im Wiesbadener Kurhaus zu Gast, um im Christian-Zais-Saal 18 Stunden lang Filmmaterial für eine Staffel aufzunehmen. Drei Mal jährlich machen die Übertragungswagen des BR jeweils drei Tage lang Station in einer anderen Stadt. Für jedes Themengebiet ist ein halber Tag Produktionszeit vorgesehen. Die aufgezeichneten Beratungsgespräche werden dann zu 30-Minuten-Sendungen arrangiert. Aus einer Veranstaltung entstehen so knapp 20 Sendungen. Die erste Sendung, die in Wiesbaden produziert wurde, wird am 19. Dezember ausgestrahlt.

Objekte aus Porzellan sowie Schmuck und Gegenstände aus Silber wurden den Experten am Freitag präsentiert. Samuel Wittwer von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten aus Potsdam konnte auch eine Vase mit vielen Blumenmotiven inspizieren, die Ria Lehming und ihre Tochter Sabine aus Kelkheim mitgebracht hatten. Die Vase mit Elementen aus dem Klassizismus und dem Rokoko imitiere die Machart der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen und sei schätzungsweise zwischen 1000 und 2000 Euro wert, so Wittwer. Zu Möbeln und Skulpturen gaben die Sachverständigen am Samstag ihre Expertisen ab. Design-Gegenstände und Gemälde nahmen die Fachleute gestern fachkundig in Augenschein.

Auch der Goldschmied Robert Gottlieb hatte sich von Frankfurt auf den Weg nach Wiesbaden gemacht, um ein ausgefallenes Objekt den Experten zu zeigen. Vor zwei Jahren habe er die Kombination aus einem Bild, einer Skulptur, einer mechanischen Apparatur und einer Lampe in einem Versteigerungsportal für 1700 Euro ersteigert. Am Sockel der Skulptur sind die Angaben „Bauhaus“, „Berlin 1923“ und „Hartmann“ zu lesen.

„Ich hoffe, dass es ein Original ist“, sagt Gottlieb. Doch Designhändler Michael Hellmeister und Konservator Josef Straßer müssen den 62-Jährigen enttäuschen. Bei dem Objekt handele es sich nicht um ein kostbares Designerstück des am Bauhaus in Dessau ausgebildeten Georg Hartmann, sondern um eine Fälschung, die „vielleicht zehn Jahre alt“ sei. „Das ist ein Schock für mich“, reagiert der Frankfurter frustriert.

Solch einen Rückschlag muss Jürgen Schild aus Koblenz nicht verdauen. Er zeigte den Experten gestern eine türkisfarbene Deckeldose aus dem früheren Besitz seiner Tante. Diese habe darin der immer Schokolade aufbewahrt, die er als kleiner Junge gegessen habe, berichtet der 74-Jährige. Straßer und Hellmeister schätzen den Wert der Dose, die aus der Werkstatt der Bauhausschülerin Margarete Heymann-Marks stammt, auf bis zu 200 Euro. Verkaufen wolle er das Erbstück ja nicht, sagt Schild, aber jetzt wisse er endlich, aus welcher Manufaktur das matt glasierte Stück aus Steingut stamme.

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