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Wiesbaden Keine Heimat mehr

In Wiesbaden leben rund 600 Familien aus Syrien und 450 aus dem Irak. Viele von ihnen haben Freunde und Verwandte, die in Todesangst vor der Terrormiliz IS fliehen. Vier junge Wiesbadenerinnen kämpfen für eine Schutzzone.

„Wir fordern eine Schutzzone“, die „Save Our Souls“-Aktivistinnen Ani, Anahid, Besima und Marcela (v. l. nach r.) demonstrieren Zusammenhalt in der Wiesbadener Fußgängerzone. Foto: Martin Weis

Es gibt nur noch ein Thema. Eigentlich sind die Wiesbadenerinnen Marcela (21), Ani (22), Anahid (22) und Besima (24) in die Lokalredaktion der Frankfurter Rundschau gekommen, um über ihren Verein zu sprechen. Seit diesem Sommer ist nämlich der „assyrisch-aramäische Jugendverein Wiesbaden“, dem die vier angehören, offiziell eingetragen.

Doch schnell wird klar, dass sie eigentlich gar nicht nur über den Verein sprechen möchten, sondern über den Krieg in Syrien und im Nordirak und auf die Bedrohung der Christen durch die radikalislamische Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Denn da die Eltern der vier Wiesbadenerinnen aus dieser Region stammen und die jungen Frauen, wie ihre Eltern, den sogenannten christlichen Kirchen des Ostens angehören, ist für sie die Bedrohung durch die IS ganz nah. „Wir haben Angst“, sagt Marcela, „wir denken noch an diesen Krieg“.

Deshalb haben sie sich dem bundesweiten Aktionsbündnis von Christen „Save Our Souls“ angeschlossen. In vielen Städten in Deutschland haben sie bereits demonstriert und Flyer verteilt, um auf die Situation im Nahen Osten aufmerksam zu machen, auch in Wiesbaden. Ihre zentrale Forderung ist eine Schutzzone im Nordirak für bedrohte Minderheiten. „Die Menschen dort wollen nicht ihre Heimat verlassen“, sagt Marcela. „Die Christen leben in dieser Region seit tausenden von Jahren“, bekräftigt Ani. „Wenn sie vertrieben werden, haben wir keine Heimat mehr“, sagt Anahid, „deshalb brauchen wir eine Schutzzone.“

Wenn sie nicht für „Save Our Souls“ unterwegs sind, organisieren sie Treffen der Mitglieder des assyrisch-aramäischen Jugendvereins Wiesbaden. „Wir gehen zusammen ins Kino, backen mit Kindern, organisieren ein Sommerfest oder geben Sprachkurse“, erzählt Besima, die Vereinsvorsitzende ist. Doch auch bei diesen Treffen gäbe es derzeit nur das eine Thema – die Situation in ihren Heimatländern.

Noch im April 2014 verbrachten Besima und Marcela ihren Urlaub im Nordirak. Die Freundinnen fotografierten sich bei Sonnenschein, Arm in Arm, im Hintergrund die Stadt Alqosh. Sie trafen Einheimische und schlossen neue Freundschaften. Es sind schöne Erinnerungen, die Marcela und Besima teilen, wenn sie sich ihre Urlaubsfotos ansehen.

Doch heute, kaum ein halbes Jahr später, hat die IS viele Christen aus dem Nordirak vertrieben und unzählige getötet. Via Telefon und Facebook berichten Verwandte und Freunde, die in der Krisenregion leben, „echte Gruselgeschichten“, wie die jungen Frauen sagen. „Die 6000 Einwohner von Alqosh mussten ihre Häuser verlassen, alle unsere Freunde haben ihr Zuhause verloren, manche sind tot“, erzählt Marcela voller Entsetzen.

Die Zwillingsschwestern Ani und Anahid erzählen, wie die IS vorgeht: „Die IS-Kämpfer stellen Christen und anderen, die sie als Ungläubige bezeichnen, ein Ultimatum“, sagt Ani. „Entweder sie konvertieren zum Islam, zahlen eine hohe Kopfsteuer oder verlassen ihre Stadt. Tun sie nichts davon, erwarte sie der Tot durch das Schwert“, sagt Anahid. Dass diese Drohungen auch umgesetzt werden, bestätigte ihnen ein Cousin. „Sie haben sie geköpft, und ihre Köpfe an der Hauswand aufgehängt“, sagt Besima und schreit fast dabei. Während die Frauen von dem Schrecken erzählen, werden sie laut, ihre Wangen glühen.

Im irakischen Mossul haben die Terroristen die Häuser von Christen mit einem arabischen N markiert, erzählt Ani. Es stehe für Nazarener und bedeutet Christ im negativen Sinne. Das Bündnis „Save Our Souls“ hat sich das arabische N zum Zeichen der Bewegung gemacht. Die vier Wiesbadenerinnen wollen weiter für eine Schutzzone kämpfen. Und Spenden sammeln, für die Menschen auf der Flucht. Marcela möchte am liebsten hinfahren nach Syrien oder in den Irak und vor Ort helfen: „Ich habe sowieso nur noch Krieg im Kopf“, sagt sie.

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