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Wiesbaden Häusliche Gewalt Worte als Waffe

Jede vierte Frau wird in einer Beziehung von ihrem Lebensgefährten gedemütigt - nicht allein durch körperliche Gewalt, sondern auch durch verbale Gewalt. Eine Wiesbadenerin berichtet von ihrem Leiden.

28.02.2014 13:28
Sebastian Wenzel
Die Folgen von Gewalt sind nicht immer sichtbar. Foto: REUTERS

Jede vierte Frau wird in einer Beziehung von ihrem Lebensgefährten gedemütigt - nicht allein durch körperliche Gewalt, sondern auch durch verbale Gewalt. Eine Wiesbadenerin berichtet von ihrem Leiden.

Die Worte sind wie Faustschläge. Sie zerquetschen Anette Müllers Herz und Selbstbewusstsein (Name von der Redaktion geändert). Es sind die Worte ihres Ehemanns. Die Worte des Menschen, den Müller einst liebte, dann fürchtete und schließlich verklagte. Die Wiesbadenerin erzählt ihre Geschichte offen. Sie sagt: „Ich bin ein Opfer häuslicher Gewalt.“ Die knapp 50-Jährige will, dass alle wissen: Häusliche Gewalt ist mehr als körperliche Gewalt, mehr als Tritte und Schläge. Häusliche Gewalt ist auch verbale Gewalt. Häusliche Gewalt sind auch Worte, die beleidigen und erniedrigen.

Ob die Geschichte von Müller stimmt, lässt sich nur schwer überprüfen. Fest steht aber: Ähnliche Erfahrungen machen in Deutschland mehr Menschen als man denkt. „Jede vierte Frau erlebt häuslicher Gewalt“, sagt Heike Storch vom Wiesbadener Verein „Frauen helfen Frauen“. Geschichten wie die von Müller hört sie oft.

Müller trifft ihr Unglück im Herbst 2009. Sie ist mit einer Freundin unterwegs. Auf dem Nachhauseweg begegnet sie ihrem zukünftigen Ehemann. Sie kommen ins Gespräch, treffen sich immer öfter. Im Sommer 2012 heiraten sie. „Ein Fehler“, sagt Müller heute. „Mein Mann litt unter Realitätsverlust. Er lag bis mittags im Bett, war unzufrieden mit sich selbst. Gleichzeitig beklagte er sich bei Freunden, dass er so viel zu tun habe.“ Seinen Frust lässt er an seiner Partnerin aus. Wenn er mit Müller durch die Innenstadt schlendert, schaut er anderen Frauen hinterher. „Er legte seine Hand auf meine Schulter und flüsterte mir ins Ohr: Du siehst so alt aus.“

Diese Sätze zermürben Müller. Sie grübelt. An dem Tag, an dem sie vom Balkon stürzt, ist es besonders schlimm. Sie streiten, ihr Mann schließt sie in der Wohnung ein. Müller fürchtet sich, handelt instinktiv, flüchtet auf den Balkon, klettert vom vierten in den dritten Stock. Sie rutscht ab, stürzt in die Tiefe, kracht auf Beton. Zwei Wirbel brechen. Ihr Mann besucht sie im Krankenhaus und sagt, der Unfall habe ihm die Augen geöffnet. Müller glaubt ihm.

Doch es wird nicht besser, sondern schlimmer. Müller gibt ihre Arbeit auf und hilft ihm im Büro. Nach und nach verliert sie den Kontakt zu ihren Freunden. Auch ihre Familie kann nicht helfen. Müller ist gefangen in einer Beziehung, an die sie nach wie vor glaubt. „Vielleicht hat er ja Recht mit seiner Kritik“, denkt sie. Sie kämpft für die Ehe, bemüht sich, alles richtig zu machen. Doch er erniedrigt sie immer wieder. „Egal was ich machte, es war immer falsch.“ Der Sex wird zur Qual. Zum Schluss fühlt sie sich wie eine Prostituierte. Ihr Mann beginnt eine Affäre.

Anfang 2013 reicht es Müller. Sie flieht und hat nur noch einen Gedanken: Raus aus diesem Leben, raus aus der Beziehung, raus aus der gemeinsamen Wohnung. Im Internet sucht sie Frauenhäuser und findet eine Telefonnummer. „Wir sind leider voll. Wir raten ihnen, sich bei der Polizei zu melden“, sagt die Stimme am anderen Ende. Müller schleicht zurück in die Wohnung.

Als sie die Tür öffnet, schaut er sie mit großen Augen an und sagt: „Ich liebe Dich“. Doch sie glaubt ihm nicht mehr. Von da an telefoniert sie öfter mit Beratungsstellen. Die Mitarbeiterinnen empfehlen ihr, die Wohnung zu verlassen. Müller bereitet sich darauf vor. Sie schläft im Büro. In einem Tagebuch notiert sie seine Worte. Im Sommer 2013 findet sie eine Wohnung, packt ihren Koffer und zieht aus. „Endlich frei“, denkt sie. Einen Monat später kennt ihr Mann die neue Adresse – trotz Auskunftssperre. Er sagt: „Ich sorge dafür, dass Du schon bald wieder auf der Straße stehst. Ich mache Dir das Leben zur Hölle.“

Ob diese Geschichte stimmt, entscheiden wahrscheinlich demnächst Richter. Müller hat ihren Mann angezeigt. Es klingt zynisch, aber es ist ihr Glück, dass sie vom Balkon stürzte. Körperliche Gewalt lässt sich viel einfacher nachweisen als verbale. Müller kämpft, hat aber immer noch Angst. Sie sagt: „Ich kann seine Worte einfach nicht vergessen.“

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