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Wiesbaden „Frauen müssen am Ball bleiben“

Die Geschäftführerinnen von „Berufswege für Frauen“ sprechen im Interview mit der Frankfurter Rundschau über Hürden, Chefs und Burnout.

Schon rund 30 000 Frauen hat der Wiesbadener Verein „Berufswege für Frauen“ seit seiner Gründung 1988 bei der Suche nach beruflichen Perspektiven beraten. Auch für Wiedereinsteigerinnen gibt es verschiedene Angebote. Die beiden Geschäftsführerinnen Yvonne Skowronek (53) und Katrin Klauer (39) berichten über die Hürden, vor denen ihre Kundinnen stehen, und warum viele nach einer Begleitung des Vereins mit einer Perspektive oder sogar einem Arbeitsvertrag in der Tasche in eine neue berufliche Zukunft gehen.

Hat eine 50-jährige, die 20 Jahre nicht gearbeitet hat heute überhaupt noch eine Chance auf dem Arbeitsmarkt?
Skowronek: Ja, aber es ist nicht unproblematisch. In unseren Berufsorientierungskursen gibt es oft ältere Frauen, die denken, sie haben keine Chance. Nach vier Monaten gehen sie gestärkt hier heraus, mit dem klaren Blick darauf, was sie wollen und was sie können. Diese Frauen finden dann auf dem Arbeitsmarkt auch eine Perspektive.

Wie viele Ihrer Kundinnen finden diese Perspektive?
Skowronek: Etwa 70 bis 80 Prozent der Frauen, die bei uns andocken, haben nach einem halben Jahr wieder eine berufliche Perspektive.

Haben Frauen denn heutzutage überhaupt noch Probleme beim Wiedereinstieg in den Beruf? Skowronek (lacht): Ja, klar. Besonders die Frauen, die schon länger raus sind aus dem Beruf.
Klauer: Ich bin der Meinung, wenn eine Frau drei Jahre aus dem Beruf raus ist, wird der Wiedereinstieg für sie schon schwierig.

Vor welchen Hürden stehen die Wiedereinsteigerinnen?
Klauer: Das Thema Kinderbetreuung ist eine Herausforderung, aber auch Unsicherheiten und Vorurteile von Arbeitgebern.

Welche Vorurteile sind das?
Skorwonek: Die Arbeitgeber befürchten zum Beispiel, dass eine Mutter um ein Uhr den Bleistift fallen lässt, weil sie um halb zwei ihre Kinder abholen muss. Sie fragen sich, was passiert, wenn die Kinder krank sind, was passiert in den Ferien, wie will sie das regeln?

Klauer: Für den Arbeitgeber bedeutet die Einstellung einer Mutter auch Disziplin. Nachmittagstermine müssen länger im Voraus geplant werden, Meetings sollten nicht abends stattfinden. Es gehört eine gewisse Bereitschaft dazu, das Potenzial einer Frau zu erkennen und zu versuchen, gemeinsam einen Weg zu finden.

Fehlt diese Bereitschaft oft von Seiten der Arbeitgeber?
Skowronek: Oft werden leider zuerst die Hürden gesehen und nicht die Möglichkeiten. Das ist schade. Denn diese Frauen sind, wenn sie eine Chance bekommen, sehr engagiert und arbeiten mit viel Einsatz. Geht es um Positionen, in denen sie Verantwortung tragen, wird es noch schwieriger. Ihnen wird nicht zugetraut, dass sie die Doppelbelastung hinkriegen.

Klauer: Müttern werden Kompetenzen abgesprochen. Dafür gibt es aber gar keinen Grund. Gerade sie sind Meisterinnen was Organisation, Stress- oder Zeitmanagement betrifft. Doch das „Mutti-Image“ ist leider negativ besetzt.

Was können Frauen tun, damit der Wiedereinstieg leichter fällt?
Klauer: Sie können sich während der Elternzeit weiterbilden, bei Computerkenntnissen am Ball bleiben.

Skowronek: Das Beste ist, wenn Frauen auch schon während ihrer Schwangerschaft und der anschließenden Elternzeit Kontakt zum Arbeitgeber halten und dann nahtlos wieder einsteigen. Aber nicht alle Frauen wollen das, manche wollen für die Familie aussteigen. Je länger der Ausstieg dauert, desto schwieriger wird auch der Wiedereinstieg.

Welche Hilfen bieten Sie in ihren Kursen an?
Skowronek: Wir vermitteln das Bewusstsein „Ich kann was, ich bin was und ich habe eine Chance auf dem Arbeitsmarkt“. Die Frauen, die zu uns kommen, sind verunsichert, haben vielleicht schon einige Absagen bekommen. Ihr Selbstwertgefühl ist am Boden. Wir machen ihnen bewusst, was sie in ihrem Leben schon geleistet haben und was sie damit auch für einen Wert für den Arbeitsmarkt repräsentieren. Wir arbeiten ihre Stärken und Ziele heraus und erstellen gemeinsam mit ihnen professionelle Bewerbungsunterlagen.

Welche Rolle spielt der Partner beim Wiedereinstieg?
Skowronek: Ich finde es erstaunlich, wie offen heute die Männer dem Thema gegenüberstehen. Gerade bei den jüngeren Generationen hat sich etwas geändert. Oft teilen sich die Paare auch die Kinderbetreuung.

Das heißt, die Familien spielen mit?
Klauer: Der Wiedereinstieg der Mutter bedeutet für die ganze Familie eine Umstellung. Mittagessen, Betreuung und Wäschewaschen müssen neu verteilt werden. Alle müssen sich umgewöhnen, da meckert schon mal einer. Frauen müssen darauf achten, dass sie die Umverteilung durchhalten und nicht versuchen, den Beruf obendrauf auch noch zu schaffen.

Gibt es Frauen, die versuchen, das alles zu schaffen?
Skowronek: Ja, wir haben in letzter Zeit einen großen Zulauf von Frauen mit Brunout, die genau in diese Falle getappt sind. Heute soll eine Frau sich im Beruf etabliert haben, zwei adrette Kinder, ein durchgestyltes Zuhause haben und dem Mann den Rücken freihalten.

Klauer: Und noch die Eltern und Schwiegereltern pflegen.

Skowronek: Und selber dabei wie aus dem Ei gepellt aussehen. Frauen, die nicht gelernt haben nein zu sagen, sind schnell ausgebrannt.

Wie hoch ist der Druck auf Frauen durch drohende Altersarmut?
Skowronek: Wir würden sagen, der ist enorm hoch, aber den Frauen ist das meistens nicht bewusst.

Klauer: Wenn wir es in den Kursen ansprechen, ist da schnell ein großer Frust – weil klar wird, dass sie noch sehr lange arbeiten müssen, denn von ihrer Rente werden sie kein gutes Leben führen können. Das ist schon hart.

Skowronek: Das Thema ist brisant. Wir bieten kostenlose Workshops an, in denen Frauen erfahren, wie sie sich absichern können.

Was sollte sich in Zukunft in der Arbeitswelt für Frauen verbessern?
Klauer: Alle Akteure müssen ins Boot geholt werden. Die Politik ist angehalten, die passenden Voraussetzungen zu schaffen. Unternehmen sind gefragt, neue Wege in der Arbeitsorganisation und den Arbeitszeiten auszuprobieren. Frauen sollten frühzeitig ihren Wiedereinstieg in den Job planen, ihre Kompetenzen sichtbar machen und sich für ihre Rechte engagieren.

Interview: Christina Franzisket

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