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Wiesbaden Folklore-Festival Lärmschutz "Noch gibt es Ausreißer"

Bürgermeister Arno Goßmann und Lärmexperte Peter Schreyer geben im FR-Interview Auskunft über die Zukunft des Folklore-Festivals, das zwar viele Freunde hat, aber leider auch für Ärger sorgt - in der Nachbarschaft wegen Lärm.

01.09.2012 21:35
Zwei Männer gehen das Lärm-Problem in Wiesbaden an: Der Lärmexperte der Stadtverwaltung Peter Schreyer (links) und Bürgermeister Arno Goßmann. Foto: Monika Müller

Mehr als 30.000 Menschen haben beim Folklore-Festival am Schlachthof gefeiert. Friedlich. Und dennoch gab es Ärger – wegen der Lautstärke. Dabei seien in diesem Jahr die Richtwerte kaum überschritten worden, sagen Bürgermeister Arno Goßmann (SPD) und Stadt-Lärmexperte Peter Schreyer im Interview.

Seit 36 Jahren gibt es das Folklore-Festival – erst am Schloss Freudenberg, jetzt am Schlachthof. Haben sich die Freudenberger eigentlich auch beschwert?

Goßmann: Das ist mir nicht bekannt. Aber dort hatte das Fest auch einen anderen Charakter, einen familiären. Jetzt ist es eher ein Musik-Festival für Jugendliche.

Sie haben während des diesjährigen Festivals gemessen und festgestellt, dass die Lärmwerte im Gegensatz zu 2011 reduziert wurden. Muss man da Verständnis für die sich jetzt beschwerenden Anwohner haben?

Goßmann: Ich habe immer Verständnis, wenn sich Bürger durch Lärm gestört fühlen. Doch bei diesen Messwerten ist mein Verständnis nicht ganz so ausgeprägt.

Weshalb?

Goßmann: Ein solches Fest, bei dem mehr als 30000 junge Menschen miteinander feiern – friedlich wohlgemerkt – ist für die Stadt ein einzigartiges Ereignis. Etwas anderes ist es, wenn die Lärmbelastung auf diesem Areal auch ohne Konzerte und Feste hoch ist. Da müssen wir schauen, was wir machen können.

Sind die Wiesbadener besonders lärmempfindlich? Die Flörsheimer würden sich wahrscheinlich freuen, wenn sie anstelle des Fluglärms einmal im Jahr ein Festival vor der Tür hätten.Goßmann: Nein, im Allgemeinen eher nicht. Sie besuchen ja die Feste. Es gibt aber immer Einzelne, die sich beschweren. Sei es wegen des Lärms auf dem Tennisplatz oder weil um fünf Uhr morgens ein Hahn in Nordenstadt kräht.

Wer beschwert sich denn?

Schreyer: Schwierig zu sagen, wir lernen die meisten ja nicht persönlich kennen. Wir schätzen, dass es häufig auch Personen sind, die vielleicht durch zu viel Lärm den Wert ihres Eigentums, ihres Hauses, sinken sehen. Beispiel Flörsheim.

Goßmann: Bei normalem Lärm, der nicht durch Flugzeuge verursacht wird, erhalten wir vor allem Beschwerden aus guten Wohnlagen.

Nun gibt es aber am Schlachthof keinen Fluglärm.

Schreyer: Nein, aber der Bahnhof ist in der Nähe, hinzu kommt die Tallage des Schlachthofs, die Geräusche verstärkt. Und wenn es dann noch ein Festival gibt, hat manch einer Angst, dass der Wert seines Grundstücks noch mehr sinkt.

Was sagen Sie den Beschwerdeführern?

Goßmann: Jede Beschwerde wird überprüft. Geht es um Ärger wegen Laubbläsern oder Kehrmaschinen, wird mit der ELW gesprochen, den Einsatz so zu gestalten, dass sich die Anwohner nicht mehr so gestört fühlen. Das heißt, man kann zum Beispiel mit den Arbeiten später beginnen.

In wie vielen Fällen können Sie etwas verändern? Was machen Sie etwa mit dem Hahn?

Goßmann: Oft können wir etwas tun. Beim Hahn können wir jedoch schwer etwas ändern.

Naja.

Goßmann (lacht): Wir können nichts ändern. Aber im Ernst: Wir haben festgestellt, wenn wir die Leute ernst nehmen und den Lärm messen, dann akzeptieren sie es auch, wenn wir nichts tun können. Sie zweifeln nicht an unseren Messergebnissen.

Wo gibt es in Wiesbaden den meisten Lärm?

Goßmann: Am lautesten ist es da, wo sich die Anwohner am wenigsten beschweren. Zum Beispiel am Kaiser-Friedrich-Ring oder in der unteren Schiersteiner Straße, also auf Hauptverkehrsstraßen. Dort könnte ich sogar verstehen, wenn sich jemand beschweren würde.

Aber da können Sie ja kaum etwas gegen tun, zumindest nicht auf die Schnelle.

Goßmann: Man kann die Zahl der Fahrzeuge reduzieren, Fahrradwege und den ÖPNV ausbauen. Im Kaiser-Friedrich-Ring gibt es zum Beispiel keine durchgängige Busspur. Das soll aber angegangen werden. Und wir blicken nach Frankfurt und auf das, was sich nach dem gescheiterten Tempo-30-Versuch dort tun wird.

Ihre Umfrage läuft noch. Wird in Wiesbaden vielleicht auch irgendwann mal eine flächendeckende Tempo-30-Zone eingerichtet?

Schreyer: Wir haben das ja schon einmal ausprobiert. In Bierstadt und Schierstein wurde auf zwei Durchgangsstraßen Tempo 30 eingeführt. In Schierstein lief es gut, der Lärm wurde erheblich reduziert, in Bierstadt funktionierte es nicht.

An diesem Wochenende ist Taunusstraßenfest, die Weinwoche ist vorbei, das Stadtfest steht vor der Tür – wo gibt’s den meisten Ärger?

Schreyer: Es gibt bei den meisten Festen Hinweise, aber nicht besonders viele. Meist nicht mehr als zehn. Am Folklore-Freitag haben sich zehn Leute an die Polizei gewandt. Danach können noch ein paar Beschwerden dazu gekommen sein, aber das weiß ich jetzt noch nicht.

Warum haben Sie die Auflagen beim Folklore-Festival relativ kurzfristig noch einmal geändert?

Schreyer: Wir mussten aufgrund der Richtwert-Überschreitungen im vergangenen Jahr reagieren. Dafür haben wir einen Schallschutzgutachter hinzugezogen. Das hat sich in die Länge gezogen.

Goßmann: Aber es hat sich gelohnt. Es war ruhiger als im vergangenen Jahr.

Aber für manche noch nicht ruhig genug?

Goßmann: Noch gibt es Ausreißer zwischen 22 und 23 Uhr. Da lagen die Messwerte einmal acht Dezibel über den erlaubten Werten. Und auch bei der Disco nach 24 Uhr war es lauter als erlaubt. Aber die Disco wird ja nächstes Jahr in der Halle stattfinden.

Das heißt, das Folklore-Festival wird weitergehen?

Goßmann: Aber sicher doch. Es gibt keinen Grund dafür, dass ein solches Festival nicht stattfindet. Das wäre verheerend für Wiesbadens Image. Wiesbaden gilt sonst als verschlafen, als eine Stadt, in der man nicht richtig weggehen kann und in der vieles sehr teuer ist.

Das Gespräch führte Ute Fiedler

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