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Wiesbaden Faszination und Proteste

Die einen sind begeistert, die anderen empört. Der offizielle Empfang des geistlichen und politischen Oberhaupts der Tibeter, Dalai Lama XIV., hat die Besucher auf dem Rathausplatz gespalten: Es gab Jubel, Anhänger der Shugden-Gemeinschaft übten jedoch Kritik.

Anhänger der Shugden Bewegung protestieren in Wiesbaden gegen den Dalai Lama. Foto: Boris Roessler/dpa

Am Ende fließen Tränen. Ein Mann reckt die Faust. „Free Tibet“, schreit er. Und dann noch einmal „Free Tibet“. Seine Augen glänzen feucht, die Frau neben ihm in tibetischer Tracht weint hemmungslos. Wie zahlreiche Exiltibeter waren auch die beiden gestern vor den Landtag gekommen, um Seine Heiligkeit, dem XIV. Dalai Lama, zuzujubeln.

Drei Tage lang war das geistliche und politische Oberhaupt der Tibeter zu Gast in Hessen. Nach einer Veranstaltung im Kurpark am Sonntag, stattete der Dalai Lama am Montag Frankfurt einen Besuch ab, bevor er gestern im Wiesbadener Rathaus und im hessischen Landtag empfangen wurde. Danach flog der Dalai Lama zurück nach Indien.

Politiker wie Gäste – die Stadt hatte mehr als 100 Ehrenamtler zum Empfang ins Rathaus eingeladen – sind begeistert von der Art des 80-Jährigen. Stadtverordnetenvorsteher Wolfgang Nickel (CDU) und Bürgermeister Arno Goßmann (SPD) haben den Gast bereits am Sonntag persönlich getroffen. „Er hat ein außergewöhnliches Auftreten und Charisma“, sagt Nickel. „Er ist humorvoll und gelassen“, fügt Goßmann hinzu. Beide sind sich einig, dass bei solchen Gelegenheiten „das Übergeordnete“ betrachtet werde – und nicht nur die Probleme mit dem Faulbrunnenplatz oder dem Stadtmuseum, sagt Nickel.

Stadt schenkt Honig und Süßigkeiten

Er sei dankbar, „dass Sie Ihre Gedanken, die Botschaft des Friedens, der Toleranz und der Ehrfurcht vor dem Leben durch die Welt auch zu uns tragen“, sagt Nickel, der den Ehrengast noch einmal in „der schönsten Stadt der Bundesrepublik“ begrüßt. Goßmann spricht gleich die nächste Einladung aus. „Wir freuen uns auf einen neuen Besuch, nicht erst in zehn Jahren.“ Dann werden Geschenke ausgetauscht: Süßigkeiten und Honig für den Gast, Bücher für die Gastgeber.

Seinen Humor stellt der Dalai Lama, der gar nicht mehr so viel sagen möchte, weil er am Sonntag bereits soviel gesagt habe, sogleich unter Beweis. Jeder solle für sich glücklich sein, sagt er. Wenn jeder sein Glück nach außen transportiere, könne man auch gemeinsam glücklich sein, sagt er. Und bittet, die Fenster zu öffnen, sodass die Botschaft nach außen dringe – und ein bisschen Durchzug entstehe. Es sei stickig.

Kaum strömt Luft durch die Fenster, dringt mit ihr tatsächlich eine Botschaft in den Raum: Auf dem Dern‘schen Gelände haben sich gut 200 Anhänger der Shugden-Gemeinschaft versammelt, die den Besuch des Dalai Lama bereits in Frankfurt und Wiesbaden kritisch begleitet haben. Sie skandieren: „False Dalai Lama, stop lying“ („Falscher Dalai Lama, hör auf zu lügen“).

Die Shugden gehören zu den „Gelukpa“, einer buddhistischen Glaubensrichtung, und werfen dem Dalai Lama Diskriminierung vor: Er erkenne deren Schutzgott „Shugden“ nicht an.

Nicht mehr, wie die Nonne Monika Elias betont. Erst im Jahr 1996 hat der Dalai Lama die Verehrung des Shugden, eines martialischen Messerschwingers auf einem weißen Löwen, verboten. Das begründete er laut Eilias damit, dass der Shugden ein böser Geist sei. Das habe ihm das Orakel verraten. Daher sei die Anbetung des Shugden unrein.

Offensichtlich geht es aber um mehr: Die Gelukpa waren bis zum Shugden-Verbot mit vier Millionen Anhängern die mächtigste Gruppierung des tibetischen Buddhismus, haben einen eigenen Lama. Und das ist laut Elias das Problem. „Es geht dem Dalai Lama um Machterhalt.“ Die Diskriminierung gehe so weit, dass Gelukpa dem Shugden abschwören mussten. Wer sich weigert, werde in tibetischen Krankenhäusern nicht behandelt, an den Geschäften prangten Schilder, die Buddhisten den Einkauf untersagen. „Ich lebe in Deutschland, ich muss keine Angst haben. Aber in Tibet hat der Dalai Lama so ganze Familien entzweit“, sagt Elias.

Auf der anderen Seite des Dern’schen Geländes entsteht derweil ein Getümmel, weil sich einer Shugden-Verehrer unter die Gruppe der Getreuen gemischt hat. Als er anfängt, laut „Stop lying Dalai Lama“ zu rufen, werden die Umstehenden rabiat. Sie drehen sich um, filmen ihn, drängen ihn weg, schubsen ihn. Die Situation klärt erst, als sich der Sicherheitsdienst einmischt.

Bis sich die Kontrahenten wieder beruhigt haben, sitzt der Dalai Lama bereits im Auto auf dem Weg zum Flughafen. Eine gute Stunde lang war er zuvor zu Gast im Landtag, hat mit Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und dessen Stellvertreter Tarek Al-Wazir (Grüne) gesprochen – auch über China und die Lage in Tibet.

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