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Wiesbaden Falsches Leben, falscher Körper

Lydia Lu Schweighardt ist transsexuell: Sie wurde als Frau im Körper eines Mannes geboren. Beim Christopher Street Day in Wiesbaden geht sie für ihre Rechte auf die Straße.

02.08.2013 11:40
Coming out mit 45 Jahren: Lydia Lu Schweighardt. Foto: Michael Schick

Der 3. August ist ein besonderes Datum für Lydia Lu Schweighardt. Von diesem Tag an sind es genau noch zwei Monate bis zu ihrer großen Operation. Im Herbst verwandeln Ärzte ihren Penis in eine Vagina. Auf diesen Moment freut sich die 54-Jährige schon ihr ganzes Leben. Auch wenn es eine Zeit gab, in der sie das nicht wahrhaben wollte.

Als krank abgestempelt

Schweighardt ist transsexuell. Sie wurde als Frau im Körper eines Mannes geboren. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leidet sie unter „ICD-10-F64.0“. ICD-10 ist die Abkürzung für das aktuelle Diagnosesystem der WHO. F steht für „Psychische und Verhaltensstörungen“, 64 für „Störungen der Geschlechtsidentität“ und 0 für „den Wunsch, als Angehöriger des anderen Geschlechtes zu leben und anerkannt zu werden“.

Transsexuelle kämpfen dafür, dass die WHO ihre so genannte Krankheit aus dem Diagnosekatalog streicht. So wie das Kürzel „ICD-9-302.0“. Das stand bis 1992 für Homosexualität. Auch deshalb ist der dritte August ein besonderer Tag für Schweighardt. An diesem Tag demonstriert sie auf dem Wiesbadener Christopher Street Day (CSD) gegen die Diskriminierung durch die WHO und für die Rechte von Schwulen, Lesben und Transsexuellen. Organisiert wird die Parade vom Verein „Warmes Wiesbaden“.

Als Kind stöckelte Schweighardt heimlich durch die Wohnung, in den Stöckelschuhen der Mutter. Nur an Fastnacht lebte sie ihre Leidenschaft offen aus. Sie schlüpfte in Röcke und stopfte sich Papier in den Büstenhalter. In der fünften Jahreszeit irritierte das niemanden. Schon damals spürte Schweighardt, dass in ihrem Leben etwas nicht stimmte. Sie fühlte, dass sie im falschen Körper lebte. Doch die Wiesbadenerin ignorierte ihre Gefühle. Sie war sich unsicher. Was, wenn es sich bei ihrer Faszination für Frauenkleider und -schuhe nur um einen Fetisch handelte? Schweighardt lebte in einer Scheinwelt. Sie wollte sich und anderen beweisen, dass sie ein echter Mann sei. Sie arbeitete als Türsteher in Frankfurt und hatte eine Freundin. Doch mit 45 Jahren wollte sie sich nicht mehr verstecken. Sie erzählte Freunden, Verwandten und Arbeitskollegen, was sie bedrückte. Fast alle reagierten positiv. Doch Schweighardt wollte mehr: Als Frau leben und anerkannt werden.

In Deutschland geht das für einen Menschen im falschen Körper nur, wenn er eine Personenstands- und Vornamensänderung beantragt. Bevor das Gericht die bewilligt, müssen sich die Betroffenen mit Psychologen unterhalten. Sie müssen beweisen, dass sie es Ernst meinen mit ihrem Wunsch. Für Schweighardt war das kein Problem. Im Februar 2012 überreichten ihr die Behörden einen neuen Ausweis. Seitdem heißt sie offiziell Lydia Lu. Den Namen hat sie sich selbst ausgesucht. Er erinnert sie an die Schauspielerin Lucy Liu. Die spielte unter anderem in der Komödie „Das sonderbare Liebesleben der Erdlinge“ mit, aber auch in dem Actionfilm „Drei Engel für Charlie“.

Östrogen-Gel macht runder

Als Vorbereitung auf ihre Operation schluckt Schweighardt täglich Testosteronblocker. Außerdem reibt sie ihren Körper mit einem Östrogen-Gel ein. Durch die Hormonbehandlung wachsen ihre Brüste, ihre Rundungen werden weiblicher, ihr Gesicht sanfter. Schweighardt ist zufrieden mit den Veränderungen, ihr neuer Freund auch. Zum vollkommenen Glück fehlt ihr jetzt nur noch eine Vagina. Die modellieren die Ärzte aus dem Penis. Sie schälen ihn mit den Blutgefäßen und Nerven auseinander und nähen ihn an der entsprechenden Stelle wieder ein. In zwei Monaten wird es endlich soweit sein.

Christopher Street Day Wiesbaden am Samstag, 3. August. Das Programm steht im Internet unter csd-wiesbaden2013.blogspot.de

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