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Wiesbaden Entsetzen über Fällkommando

Ordnungsdezernent Oliver Franz lässt die Kastanien an der Lesselallee fällen. Die Wut der Fällgegner ist groß. Rund 50 Polizisten sperren das Areal ab, angeblich aus Sicherheitsgründen.

Ordnungsdezernent Oliver Franz (links) macht sich selbst ein Bild vom Fortschritt der Rodung in der Lesselallee. Foto: Michael Schick

Schon von Weitem sind die Motorsägen zu hören, das monströse Krachen, wenn die Hundertjährigen zu Boden gehen. Die Anwohner der Maaraue wurden von dem Getöse gestern um 6 Uhr geweckt. Da rückte das Fällkommando im Auftrag des Grünflächenamtes an.

Bürger, Mitglieder der Bürgerinitiative „Rettet unsere Kastanien!“ sowie Vertreter der Grünen im Stadtparlament stehen fassungslos an einer Polizeiabsperrung und beobachten das mit Sägen und Greifern bewehrte Gerät, das der Lesselallee zu Leibe rückt. Rund 50 Polizisten sperren im Auftrag des Ordnungsamts die Halbinsel ab, angeblich aus Sicherheitsgründen. Sogar Pächter der angrenzenden Schrebergärten, die ganz offensichtlich keine Aktien in dem Lesselallee-Zoff haben, werden von den Polizisten weggeschickt.

Fehde unter Parteien

Die Wut ist den Zuschauern deutlich anzumerken. Immer wieder versuchen sie, die Polizisten an der Absperrung in Diskussionen zu verwickeln. Die Beamten verweisen sachlich und routiniert auf die Verantwortung der Ämter.

Verantwortlich für Sperrung und Fällung sind das Grünflächenamt und das Ordnungsamt. Beide Ämter stehen unter der politischen Führung des Dezernenten Oliver Franz (CDU). In den vergangenen Monaten führte der Christdemokrat gegen die Mitglieder der BI, der Wiesbadener Linken und der Grünen eine ausgedehnte, auf Gegenseitigkeit beruhende Fehde. Zankapfel war stets, wie an der Lesselallee verfahren werden soll, welcher Gutachter Recht hat, wie krank die Kastanien sind, und wie sich die beide Seiten Gehör verschaffen.

Dabei bekamen die Fällgegner zuletzt Unterstützung von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW). Die Umweltschützer hatten vor dem Verwaltungsgericht Wiesbaden den ihrer Meinung nach rechtlich zweifelhaften Vorgang bemängelt und einen Aufschub in der Angelegenheit beantragt, bis alle juristischen Belange geklärt sind. Allerdings ohne Erfolg. Die SDW sei aus formalen Gründen nicht berechtigt, einen derartigen Antrag zu stellen, meinen die Wiesbadener Richter. Die SDW legte daraufhin auch beim Verwaltungsgericht Kassel Beschwerde ein.

„Diese Beschwerde wurde am Montag von unserem Anwalt zurückgezogen, weil seit Ende vergangener Woche die Fällgenehmigung der unteren Naturschutzbehörde vorliegt“, erklärt Marion Mück-Raab von der BI „Rettet unsere Kastanien!“. Die Richter in Kassel hätten signalisiert, dass mit der Genehmigung die rechtlichen Voraussetzungen der Fällung geschaffen seien und die Beschwerde ohnehin abgewiesen werde. „Wir haben sofort einen Einspruch gegen die Fällgenehmigung eingelegt. Der juristische Weg ist also keineswegs zu Ende“, betont Mück-Raab.

Franz interpretiert die juristische Lage anders: „Nachdem die SDW ihre Beschwerde zurückgezogen hat, liegt kein schwebendes Verfahren mehr vor“, erklärt er. Beim Ortstermin spricht er hinter der Absperrung, weit weg von den wütenden Zaungästen, von dem demokratischen Willen.

„Neben Beschlüssen der Stadtverordnetenversammlung, des Umweltausschusses, und des Ortsbeirates Kostheim liegt die Fällgenehmigung der unteren Naturschutzbehörde vor.

Juristisches Nachspiel

„Damit sind alle Grundlagen gelegt, die die heutige Fällung ermöglichen“, so Franz. Binnen eines Tages sollen alle Bäume gefällt sein. Das Ausfräsen der Wurzelstöcke und die Neupflanzung mit Flatterulmen werde Zeit in Anspruch nehmen, aber „vor dem ersten Frost“ erledigt sein.

SDW-Landesgeschäftsführer Christoph von Eisenhart Rothe ist geschockt über die Fällung im Morgengrauen. „Es ist ein trauriger Tag“, sagt er gegenüber der FR. Der SDW-Chef glaubt fest an ein juristisches Nachspiel für Franz. Von Eisenhart Rothe bezweifelt zum Beispiel, dass alle Auflagen der Fällgenehmigung eingehalten wurden.

Dort ist unter anderem zu lesen, dass jeder Baum direkt vor der Fällung auf Tiere untersucht werden muss, die sich dort eingenistet haben könnten. Franz behauptet, dass dies geschehe und die Experten bei der Rodung anwesend seien. „Ich habe da niemanden gesehen. Wir werden die Gutachter vor Gericht unter Eid aussagen lassen, um zu sehen, ob Franz lügt“, kündigt von Eisenhart Rothe an.

Auch in der Frage, ob ein Gutachten den Gesundheitszustand jedes einzelnen Baumes belege, bezichtigt von Eisenhart Rothe den Ordnungsdezernenten der Lüge: „Unser Anwalt hat die Unterlagen eingesehen, ein derartiges Gutachten gibt es nicht. Auch hier hat Franz entweder gelogen, oder unliebsame Informationen zurückgehalten.“ Die Fällung der Kastanien sei für den SDW-Chef „eine Katastrophe. Hier an der Absperrung stehen weinende Kinder, keine 30 Meter davon steht Franz und spricht kein Wort mit den Bürgern.“

Auch die Mainzer Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner (Grüne) hatte sich in den vergangenen Wochen für den vorläufigen Erhalt der Allee ausgesprochen. „Dieses Verhalten ist ignorant und eine Riesenschweinerei“, so Rößner in einer Pressemitteilung. „Die Stadt muss jetzt mit einer Klagewelle rechnen. Sie hätte es auch anders haben können.“

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