Lade Inhalte...

Wiesbaden Ein Traum in der Ruine

Die Burgfestspiele Wiesbaden warten mit einem ehrgeizigem Programm auf. 22 Aufführungen werden vom 19. Juli bis 9. August gespielt. Im vergangenen Jahr hatten die Künstler deutlich weniger Vorstellungen.

Patrick Twinem (links) als Helena versucht Jan Westphal als Demetrius zu beeindrucken. Foto: Michael Schick

Helena schmachtet. Sie verzehrt sich. Doch Demetrius, das Objekt ihrer Begierde, erteilt ihr eine herbe Abfuhr. Wieder und wieder proben Jan Westphal (Demetrius) und Patrick Twinem (Helena) die Szene aus Shakespeares Sommernachtstraum, der in diesem Jahr bei den Wiesbadener Burgfestspielen vom 19. Juli bis 9. August auf die Bühne gebracht wird.

Der Sommernachtstraum ist eine von drei Produktionen des Künstlerhauses 43. Wiederaufgenommen wird „Diener zweier Herren“ aus dem vergangenen Jahr. Neu im Repertoire ist neben dem Sommernachtstraum das Kinderstück „Der Räuber Hotzenplotz“. Seit Mai laufen die Proben in der Walkmühle – parallel für alle drei Stücke. Im gesamten Raum verstreut liegen die Requisiten: Kleiderständer als Bäume, das Haus von Petrosilius Zwackelmann. Und mittendrin stehen Westphal und Twinem und proben die Liebesszene, die Regisseurin Uta Kindermann hin und wieder korrigiert.
„Um Schwulsein geht es hier nicht“, sagt sie am Rande der Probe. Man könnte dem Stück zwar eine besondere politische Aktualität beimessen, indem man einen Blick auf die Legalisierung der Homo-Ehe in den USA werfe. „Aber eigentlich haben wir aus anderen Gründen alle weiblichen Rollen mit Männern besetzt“, sagt sie. „Weil die bühnentechnischen Mittel fehlen, mussten wir uns etwas ausdenken, um den Sommernachtstraum in sich außergewöhnlich werden zu lassen.“

Aber noch auch aus einem anderen Grund spielen Männer Frauen: „Eigentlich sollte die Besetzung viel größer sein. So müssen die Schauspieler in mehrere Rollen schlüpfen“, sagt Wolfgang Vielsack, Leiter des Künstlerhauses. „Sie wissen schon, die leidigen Finanzen“, fügt er hinzu.
Leidiges Thema: die Finanzen

Über Geld möchte Vielsack am liebsten nicht sprechen. Einen Zuschuss für die Burgfestspiele, den er sich von der Stadt erhofft hatte, gab es nicht. Um den Traum realisieren zu können, wurden kurzerhand die geplanten Produktionen im Herbst abgesagt. Dass Vielsack und sein Team mit den Burgfestspielen ein Wagnis eingehen, ist ihnen bewusst. „Die Vorstellungen müssen ausgebucht sein, sonst gehen wir mit einem großen Defizit raus.“

22 Aufführungen werden vom 19. Juli bis 9. August gespielt. Platz für 350 Zuschauer bietet die Burg. Im vergangenen Jahr hatten die Künstler deutlich weniger Vorstellungen: Es gab nur ein Stück – „Diener zweier Herren“ – und lediglich ein Drittel der Vorführungen. Etwa 1500 Zuschauer waren 2014 gekommen. Einige hatten zu Vielsack gesagt: „Nur ein Stück präsentiert ihr? Das sind doch keine Burgfestspiele.“

Die leise Kritik war ein Grund, weshalb in diesem Jahr alles größer wird. Ein anderer ist Vielsacks Ehrgeiz: „In 15 Jahren, zu unserem 25. Geburtstag, wollen wir die Größe der Bad Vilbeler Festspiele erreicht haben“. Dort besuchen pro Jahr etwa 100 000 Zuschauer die mehr als 100 angebotenen Vorstellungen. Zuschüsse kommen von der Stadt, etwa 700 000 Euro, und vom Land Hessen, etwa 10 000 Euro, wie eine Sprecherin mitteilt.

Das Thema Finanzen für Kultur in Wiesbaden nimmt auch Regisseurin Uta Kindermann aufs Korn. „Im Sommernachtstraum führen die Handwerker ein Theaterstück vor dem Bürgermeister auf, der natürlich kein Geld dafür zur Verfügung stellt“, sagt sie.

Berührungspunkte mit Wiesbaden sind in allen drei Produktionen zu finden. So wohnt der Räuber Hotzenplotz beispielsweise in einem Haus, das aus Kleidungsstücken zusammengenäht wurde, die Wiesbadener gespendet haben. „Unser Profil ist, dass wir das Publikum integrieren wollen. Zudem wird bei uns viel gesungen“, sagt Vielsack. Und wie zur Bestätigung versucht Helena mit lieblicher Stimme ihren Demetrius zu becircen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen