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Wiesbaden Ein Recht auf Schule

Die GEW und der Flüchtlingsrat fordern mehr Schulplätze und Lehrer für Flüchtlingskinder. Um ihrem Anliegen Gehör zu verschaffen, halten Vertreter auf dem Luisenplatz bei eisigem Regenwetter eine Deutsch-Stunde ab.

Lehrerin Brinskelle beim Unterricht auf dem Luisenplatz. Foto: Michael Schick

Mitten auf dem Luisenplatz hocken bei eisigem Regenwetter rund fünfzig junge Flüchtlinge. Dicht sitzen sie nebeneinander unter Schirmen und verfolgen den Deutschunterricht ihrer Lehrerin von der Kerschensteinerschule, Annemarie Brinskelle. Vor den Türen des hessischen Kultusministeriums hat sie ihre Tafel aufgebaut. Ihre Deutschstunde ist Teil der Protestaktion der GEW Wiesbaden, des Flüchtlingsrats sowie der Deutschlehrer und Flüchtlinge.

Denn so wie diese Jugendlichen, die an der Kerschensteinerschule lernen dürfen, ergeht es nicht allen, die in Wiesbaden ankommen. 37 jugendliche Flüchtlinge, die älter als 16 Jahre sind, warteten derzeit auf einen Platz an der Kerschensteinerschule, so Peter Eickelmann, der dort lehrt. Es gebe wahrscheinlich noch viel mehr solcher jungen Flüchtlinge in der Stadt, an die jedoch bisher niemand herangetreten sei. Die Schulpflicht endet zwar mit 16 Jahren, jedoch haben die Jugendlichen das Recht, eine berufliche Schule zu besuchen.

„Es gibt zu wenige Plätze, zu wenige ausgebildete Lehrkräfte und die Kommunikation der zuständigen Stellen ist auch ein riesiges Problem“, sagt Eickelmann. Ständig werde von der „Willkommenskultur“ geredet, die müsse jedoch erst noch mit „Inhalten gefüllt werden, sonst frustriert man die Leute“.

37 Flüchtlingskinder warten derzeit auf Schulplatz

Die Situation droht sich sogar weiter zuzuspitzen. Denn ein Abriss des Flüchtlingsstroms ist nicht in Sicht. In diesem Jahr habe Wiesbaden laut Sozialdezernent Arno Goßmann (SPD) rund 700 Flüchtlinge aufgenommen. Im neuen Jahr rechne man mit etwa 1000 Neuankömmlingen. Unter ihnen sollen 40 Prozent Kinder und Jugendliche sein.

Die Protestler auf dem Luisenplatz weisen auch darauf hin, dass jedes Kind bis es 18 Jahre alt ist in Deutschland ein Recht auf Bildung habe, und dass das auch für Flüchtlinge gelten müsse. Die bekämen nur durch den Besuch einer Schule die Chance, die Sprache zu lernen, sich zu integrieren und später auch eine Ausbildung zu bekommen.

Ewa Hartmann unterstützt als Sozialpädagogin die Lehrerinnen und Lehrer an der Kerschensteinerschule beim Unterricht in den sogenannten Intensivklassen. „Dieser Unterricht stellt besondere Herausforderungen an die Lehrkräfte“, sagt Hartmann. Die jungen Menschen seien vor Gewalt, Armut und Unterdrückung aus ihren Heimatländern geflohen. Sie hätten fast alle eine Flucht unter lebensbedrohlichen Umständen hinter sich gebracht und seien traumatisiert.

„Hochmotiviert, Deutsch zu lernen“

Hinzu kämen große Unterschiede im Bildungsstand. „Manche sind Analphabeten“, sagt Hartmann. Diesen Unterschieden und Anforderungen müssten die Lehrer gerecht werden. „Das geht nur mit einer Ausbildung und mit der Unterstützung eines Sozialpädagogen“, ist sich Hartmann sicher.

Der Unterricht sei nicht nur zur Vermittlung von Sprache oder schulischem Wissen gut. „Die Schüler erhalten Hilfe, um sich im Alltag zurecht zufinden, etwa im Umgang mit Ämtern und Behörden“, sagt Hartmann. Außerdem trage der Besuch einer normalen Schule zur Integration der jungen Menschen bei, sagt Eickelmann.

Er sei nun seit 40 Jahren Lehrer und habe mehrere Flüchtlingsströme in Wiesbaden miterlebt. An den jungen Menschen, die derzeit in der Stadt ankommen sei jedoch etwas besonders. „Sie sind hochmotiviert, Deutsch zu lernen“, sagt er, „und wir müssen sie abweisen, das ist eine Katastrophe.“

Während Eickelmann und die Vertreter von GEW und Flüchtlingsrat Weihnachtgebäck symbolisch als „Schulplätzchen“ an Passanten verteilen, um auf die Problematik aufmerksam zu machen, zieht Lehrerin Brinskelle tapfer ihren Freiluftunterricht durch. Mit Kreide schreibt sie auf die nasse Tafel. Ihre Schüler, junge Leute aus Pakistan, Afghanistan, vielen Teilen Afrikas, Syrien, Libyen und dem Libanon, nehmen aufmerksam teil. „Wir dürfen diese Menschen einfach nicht hängen lassen“, sagt Eickelmann.

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