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Wiesbaden Die Wachablösung

Der „kleine Bürgermeister“ geht: Oberst David Carstens übergibt das Kommando über die US-Heeresgarnison Wiesbaden. Im FR-Interview spricht er über den Hainerberg und die NSA.

Oberst David Carstens Foto: Michael Schick

Colonel Carstens, Sie waren in Krisenregionen wie Afghanistan und Irak, aber auch an sonnigen Orten wie Haiti stationiert. Auf eigenen Wunsch bleiben Sie nun in Deutschland. Was hat Wiesbaden Haiti voraus?
Das ist einfach. Da muss man sich fragen, was ein gutes Zuhause ausmacht. Natürlich die Leute um mich herum und die Möglichkeiten, die sich meiner Familie und mir bieten. Ich habe viele Freunde hier gefunden, innerhalb und außerhalb des Militärs. Und meine Familie hat viele Möglichkeiten. Meine sechsjährige Tochter geht auf eine deutsche Schule, wir können reisen, Deutschland hat Kultur. Außerdem sind wir demokratische Gesellschaften. Das sind doch gute Gründe, um hier zu bleiben.

Was wird Ihr neuer Job sein?
Ich bin als Ombudsmann Auge und Ohr von Generalleutnant Campbell, dem Kommandeur der US-Streitkräfte in Europa und somit eine Art Problemlöser in der Dienststelle.

Wie hat sich Ihre Rolle als US-Soldat während Ihrer Amtszeit gewandelt? Sehen Sie sich als Besatzungsmacht?
In den vergangenen zwei Jahren hat sich da gar nicht viel geändert, unsere wichtigste Zäsur war der 11. September. Das hat die gesamte Sicherheitsarchitektur unserer Dependancen beeinflusst. Aber das Selbstverständnis der US-Streitkräfte, mein Selbstverständnis, ist nicht das eines Besatzers. Ich habe mit den Deutschen immer auf Augenhöhe gearbeitet. Mit so viel Transparenz wie möglich, auch wenn die Wahrheit manchmal wehtut.

Eine Wahrheit wie die Sperrung der Housing Area auf dem Hainerberg, einem bisher frei zugänglichen Wohnviertel.
Das ist richtig. Hier sind vier unserer fünf Schulen und andere Einrichtungen, deren Sicherheit uns am Herzen liegt. Deshalb betreiben wir viel personellen Aufwand, um die Sicherheit zu gewährleisten. Im Zuge des Ausbaus des Standorts mit einem neuen Post Exchange (ein Geschäft, in dem US-Amerikaner steuerfrei einkaufen können – Anm. d. Red) wird der Hainerberg für Nicht-Militärangehörige gesperrt. So müssen wir nur noch einen Zugangspunkt bewachen, was viel günstiger ist.

Der Hainerberg gehört nicht Wiesbaden, sondern dem Bund, der ihn der US-Armee zur Nutzung überlassen hat. Wenn die Straße ein Schlagloch hat, wen rufen Sie dann an?
Im Moment rufe ich noch die Stadt Wiesbaden an. Wenn der Hainerberg gesperrt ist, müssen das unsere Leute machen.

Planen Sie auch, die Housing Areas Crestview und Aukamm abzuriegeln?
Nein. Das brauchen wir bei der derzeitigen Sicherheitslage nicht. Da gibt es auch keine Einkaufszentren. Wenn wir den Eindruck gewinnen, dass sich die Sicherheitslage anspannt, dann begegnen wir dem in diesen Housing Areas mit mehr Sicherheitspersonal. Aber das ist eine Schraube, die man nicht bis ins Unendliche drehen kann.

Gibt es ab und an Versuche, die Sicherheitskontrollen zum Kasernengelände zu überwinden?
Manchmal. Aber nichts, worüber wir uns Sorgen machen müssten. Die Menschen sind einfach nur neugierig, wollen Fotos machen, schließlich sind wir ein riesiger Militärstandort. Ich kann verstehen, dass die Menschen neugierig sind. Ich komme aus Chicago und wäre dort eine deutsche Garnison, dann hätte ich auch Fragen. Wenn ich meine Tochter in Uniform zur Schule bringe, werde ich auch gefragt, was ich mache und so weiter. Die Menschen sind neugierig, aber nicht feindselig.

Welche Auswirkungen hat die aktuelle Diskussion um die NSA-Aktivitäten auf Sie?
Ich habe viel Kontakt mit Politikern, aber persönlich keine Anfeindungen deshalb erlebt. Ich verfolge die Medien und sehe, dass es dort einen Bruch gibt, den habe ich in meinem Alltag aber nie gespürt. Ich glaube, dass es diesen Bruch gibt, dass er sich aber auf einer Ebene abspielt, die weit über meiner liegt.

Wie ist das mit den Ebenen weit unter Ihnen?
Feindseligkeiten gegenüber den Soldaten hier sind mir in meiner zweieinhalbjährigen Amtszeit gar nicht bekannt geworden.

Gibt es denn andersrum Probleme mit der Disziplin der Soldaten oder mit Verbrechen?
Natürlich. Das ist wie in jeder Stadt oder Kaserne. Da wir hier aber eine strategische und keine kämpfende Einheit sind, liegt der Altersdurchschnitt etwa sechs Jahre über anderen Standorten. Hier gibt es mehr hohe als niedrige Dienstränge. Dementsprechend ruhiger geht es hier zu. Wenn außerhalb des Kasernengeländes was passiert, zum Beispiel Trunkenheit am Steuer, dann arbeiten wir eng mit der deutschen Polizei zusammen.

Wie funktioniert das?
Die erste Anlaufstelle außerhalb der Kaserne ist immer die Polizei, die auch die Untersuchungen führt. Wenn das Vergehen eine zivile Strafe wie ein Bußgeld nach sich zieht, dann muss der Täter dafür aufkommen. Dumm ist dann für den Täter: Er wird vom Militär noch mal zur Rechenschaft gezogen, hat also meistens doppelten Ärger. Wir versuchen, auf die jungen Soldaten einzuwirken und ihnen klarzumachen, dass sie hier bei jedem Schritt vor die Kaserne auch als Botschafter auftreten.

Spezielle Programme

Ist das jemandem, der gerade aus einem Kriegsgebiet kommt, schwer zu vermitteln?
Ich glaube sogar, dass das einem Soldaten, der aus dem Einsatz kommt, leichter fällt. Diese Soldaten sind Kontakt mit fremden Nationen gewohnt. Die Herausforderung liegt darin, das jungen Familien klar zu machen, die noch nie die USA verlassen haben. Deshalb haben wir spezielle Programme aufgesetzt, um die Soldaten an die Kultur heranzuführen, vermitteln Sprachkenntnisse und ermutigen sie, am Leben in Deutschland teilzunehmen. Schon einfache Formeln der Höflichkeit helfen da weiter.

In wie vielen Sprachen können Sie höflich sein?
Deutsch, Englisch, Koreanisch, Japanisch, Kreolisch, Paschtun und Rumänisch, weil meine Frau von dort stammt und wir viel Zeit in Rumänien verbringen.

Haben Sie persönlich Strategien entwickelt, um sich schneller an eine Gesellschaft anzupassen?
Ich erzähle Ihnen hierzu eine Geschichte: Als ich in Pakistan stationiert war, bin ich in den ersten Tagen mit einem Kameraden raus in die Stadt, um etwas zu essen. Danach hatte ich unglaubliche Magenschmerzen und war ein paar Tage richtig krank. Aber als ich wieder gesund war, konnte ich so ziemlich alles essen. So ist das auch mit Kulturen. Ich sage nicht, dass sie einen immer krank machen müssen, damit man in ihnen zurechtkommt. Aber man muss rausgehen, sie erleben, sich in sie hineinstürzen. Und dafür ist Deutschland der ideale Ort.

Gibt es etwas aus den USA, das Sie hier vermissen?
Nein. Ich war in den vergangenen Jahren nur zum Arbeiten in den USA. Ich habe dort nur noch entfernte Verwandte. Aber in ein Geschäft zu gehen, etwas in meiner Muttersprache zu bestellen und genau das auch zu bekommen, das ist schon klasse. Aber das stressige Leben in den USA, diese Hektik in den Restaurants, das vermisse ich überhaupt nicht.

Welche Tipps geben Sie Ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg?
Zwei Dinge. Erstens: Sorge gut für Dein Team, dann sorgt es gut für Dich. Hier arbeiten viele Ortsansässige, die viel länger hier sind als jeder Kommandeur. Sie sind es, die den Laden am laufen halten. Zweitens: Man muss hart an den Beziehungen zur Stadt arbeiten. Es gibt viele Reibungspunkte wie Fluglärm, Verkehrsbelastung der Straßen oder auch das Hainerberg-Thema. Das sind alles Themen, die Einfluss auf das alltägliche Leben der Menschen in der Region haben. Je weiter man die Türen aufmacht, desto besser sind die Reaktionen der Bevölkerung.

Das Interview führte Arne Löffel.

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