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Wiesbaden Die Tütenkleber aus Biebrich

Die Fabrik Schandua in Wiesbaden stellte früher Verpackungen für Lebensmittel her. Medienschaffende und eine Stadtteilhistorikerin rekonstruieren ihre Geschichte

Wiesbaden-Biebrich
Sie möchten Geschichte und Tradition mit der Gegenwart verbinden: Kathrin Schwedler und Arndt Neckermann. Foto: Michael Schick

Im Keller haben die neuen Besitzer noch einige Kisten mit Tüten gefunden: kleine bunte, in denen zum Beispiel Bohnerwachs verkauft wurde, und größere weiße, die Fetttüten. „500 Gramm garantiert reines Rinderfett“ steht darauf. Bis in die 1960er Jahre sollen sie in Gebrauch gewesen sein. Es sind auch noch die ersten Kunststofftöpfchen da, in denen Metzger schon in den 1950er Jahren Fleischsalat oder ähnliches verkaufen konnten, die aussehen wie die heutigen, aber aus anderem Material sind.

„Das sind tiefgezogene PVC-Schalen, von denen gingen ein paar Millionen raus“, erklärt Kathrin Schwedler, die die Geschichte der Tütenfabrikation Schandua und Söhne in Biebrich erforscht. Das ehemalige Fabrikgebäude steht noch am alten Platz in der Gaugasse im Wiesbadener Stadtteil Biebrich. Arndt Neckermann und Stefanie Greb, denen das Anwesen seit 2008 gehört, haben es mit Bedacht saniert und so viel historische Substanz wie möglich erhalten. Das Scheddach ist erneuert worden, die Stühle an der Theke sind noch aus den alten Zeiten und anderes Zubehör auch. Greb und Neckermann betreiben in dem Gebäude eine Agenturgruppe für Filmproduktion und eine Werbeagentur. Das raue Fabrikambiente und die moderne Mediengestaltung passen gut zusammen. Er habe die Fabrik aus Liebe gekauft, sagt Neckermann. Der Liebe zum Gebäude und seiner Geschichte ist es zu verdanken, dass Schwedler dort in den vergangenen Monaten fündig wurde. Denn Greb und Neckermann haben nicht nur die Einrichtung aufgehoben, sondern auch die Kisten mit den alten Tüten und historischen Originaldokumenten, aus denen Schwedler die Geschichte der Fabrik rekonstruiert. Die Patenturkunden für die Fetttüten hängen im Foyer.

Zahlreiche Ordner mit Kaufbelegen, Lage- und Maschinenplänen hat Kathrin Schwedler ausgewertet. Besonders angetan hat es ihr die Neuwerttaxe aus dem Jahr 1936. Darin wird fein säuberlich der Wert jedes Gegenstands in der Fabrik aufgeführt, darunter die Ausrüstung für den Luftschutzkeller, der samt Werkzeugschrank, Gasmasken, Verbandstasche und vielem mehr auf 8543 Reichsmark kommt. „Es kann keiner sagen, sie hätten nicht gewusst, dass es auf Krieg hinausläuft“, sagt Schwedler.

Joseph Schandua hatte die Firma 1890 gegründet. Er produzierte zunächst Papierbeutel und Verpackungsmaterial mit individuellem Firmenaufdruck. 1910 entwickelte er die Fetthüllen, die er sich für Deutschland, Ungarn, Schweden und Italien patentieren ließ. „Das waren aus festem Pergamentersatzpapier gestanzte und geklebte Behältnisse, die mit warmen und flüssigen Stoffen wie Bohnerwachs und vor allem Tierfett und Schmalz gefüllt werden konnten“, erklärt Kathrin Schwedler. Die Verpackungen aus Biebrich seien deutschlandweit verkauft worden. Obwohl der Umsatz in die Millionen gegangen sei, blieb die später von den drei Söhnen geführt Firma Schandua ein kleiner Fisch. Die Nische mit den Fetthüllen habe der Familie genügt, um ihren Wohlstand zu sichern. Zu Spitzenzeiten waren 200 Personen bei dem Tütenkleber beschäftigt, die in drei Schichten arbeiteten, meist Frauen und Kinder.

1976 verkaufte Gründerenkel Günther Schandua die Fabrik an ein Ehepaar, das dort unter dem Namen Schandua mit denselben Maschinen eine Papierwarenfabrik für Lebensmittelverpackungen und angeschlossener Druckerei betrieb. Sie wurde 1983 geschlossen. Bis 2008 arbeitete eine Druckerei in dem Gebäude. 2001 zogen Neckermann und Greb zunächst als Mieter hinzu.

„Die Schanduas waren keine Ausbeuter, da herrschte eine gute Stimmung im Betrieb“, sagt Arndt Neckermann. Dies weiß er aus den Interviews mit Personen, die die Fabrik gut kannten. Mit der Stadtteilhistorikerin Kathrin Schwedler hat er ergänzend zu ihrer Forschungsarbeit einen Dokumentarfilm über die Firmengeschichte gedreht. Darin kommen frühere Beschäftigte sowie die Enkelin des Firmengründers, Helga Hufnagel, und die spätere Druckereibesitzerin Jutta Nickel zu Wort. Der Film mit dem Titel „Die Fabrikation“ soll am Tag der offenen Tür gezeigt werden.

Für Schwedler schließt sich durch die Zusammenarbeit ein Kreis. „Ich möchte zeigen, wie in Biebrich ein mittelständischer Betrieb geführt wurde, wie eine Tradition entstand und wie die Tradition nun an die neuen Eigentümer weitergegeben wird“, sagt sie. Auch Neckermann geht es um die Tradition im Stadtteil. Zwar stellt er keine Tüten her, sondern betreibt ein Medienzentrum, aber er fühle sich vom „Spirit“ der Schanduas getragen. „Sie mussten erfinden und viel in Maschinen investieren. An diesen Geist des Fabrikantentums möchte ich erinnern.“

Die Geschichte lässt ihn nicht los. Für nächstes Jahr hat er sich vorgenommen, den zugemauerten Keller zu öffnen. Er vermutet dort Bauschutt. 1944 war das Fabrikgebäude durch eine Fliegerbombe teilweise zerstört und später wieder aufgebaut worden.

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