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Wiesbaden Die Landschaft im Blick

Das Regierungspräsidium startet mit der Erörterung zum Bau der Windräder auf dem Taunuskamm. Der Denkmalschutz ist ein Thema am ersten Tag.

15.03.2016 18:12
Peter H. Eisenhuth
Zahlreiche Bürger trugen ihre Einwände im Kostheimer Bürgerhaus vor. Foto: Michael Schick

Die Tabelle, die Carsten Gödel auf die Leinwand projizierte, zeigte die Einschätzung diverser Denkmalschutzbehörden zu den zehn Windrädern, die nach dem Willen der Eswe-Tochter „Taunuswind“ künftig auf der Hohen Wurzel rotieren sollen. Gelb stand für „kritisch“, orange für „sehr kritisch“, rot für „nicht genehmigungsfähig“. Die Tabelle war weitestgehend rot eingefärbt. Für Gödel, Sprecher des Vereins „Rettet den Taunuskamm“, ein gewichtiges Argument dafür, die Pläne zur Gewinnung von Windenergie auf dem Gebirgszug zwischen Wiesbaden und Taunusstein aufzugeben.

Der Denkmalschutz war ein Thema am ersten Tag des Erörterungstermins im Genehmigungsverfahren für den geplanten Windpark, zu dem das Regierungspräsidium Darmstadt (RP) gestern ins Kostheimer Bürgerhaus eingeladen hatte. Für die Gegner des Projektes – insgesamt waren 403 Einwände – die Möglichkeit, ihre Sicht der Dinge vorzutragen.

Dass sie mit den Vertretern der Gegenseite bislang in keinem Punkt auf einen Nenner kamen, war zu erwarten. Schon gar nicht in der Grundsatzfrage, ob es sich beim Taunuskamm, einem der größten geschlossenen Waldgebiete Hessens, um ein schützenswertes Kulturdenkmal handele, wie der Wiesbadener Wolfgang Merkel betonte. Von „geschlossen“ könne nach dem Bau von Windrädern keine Rede mehr sein, mahnte ein anderer. Die Betreiber der Anlagen verniedlichten die Eingriffe in die Natur. „Es geht ja nicht nur um eine einzelne Anfahrtsstraße, sondern man muss jedes Windrad in diesem steilen Gelände einzeln bauen“, sagte er. „Und dafür muss man den Wald zusammenschlagen.“

Ein Blick ist nicht schutzfähig

Rechtsanwalt Jano Geßner reagierte reflexartig auf solche Einwände. „Eine Landschaft kann kein Denkmal darstellen“, sagte der Eswe-Vertreter. Oder: „Das Thema Kulturlandschaft ist kein Teil des Denkmalschutzes.“ Oder auch: „Es gibt Denkmäler und es gibt eine Kulturlandschaft, die unter dem Aspekt des Naturschutzrechts zu betrachten ist.“

Ähnlich fielen die Repliken auf Einwände zu einer Beeinträchtigung anderer Denkmäler aus, weil die Windräder die Aussicht verschandelten. Der Bau „deklassiert die Russisch-Orthodoxe Kirche“, schimpfte Hartmut Fischer vom Rheinischen Verein für Denkmalpflege. „Dieser eine Fall ist schon so grauenhaft, dass es unverständlich ist, warum die Kritik so abgetan wird.“ Die Antwort von Eswe-Gutachter Geerd Dahms: „Ein Blick mag schön und alles Mögliche sein, aber er ist nach allen bestehenden deutschen Denkmalschutzgesetzen nicht schutzfähig.“

Immerhin ein Bürger sprang den potenziellen Windpark-Betreibern bei: In einer von Industrie und Fortschritt geprägten Zeit könne man Windräder nicht als „Nichtkultur“ bezeichnen. „Vor 150 Jahren haben unsere Vorfahren gesungen: ,Es klappert die Mühle am rauschenden Bach‘ – heute gilt das als Kulturlandschaft.“ Dem mochte Roland Schneider nicht grundsätzlich widersprechen. Ja, irgendwann gehörten auch Windräder zur Kulturlandschaft, räumte der Vorsitzende des Vereins Naturerbe Taunus ein. „Aber es geht auch um Geschwindigkeiten.“ Es gebe genügend geeignete Flächen, um Windenergie zu gewinnen, verwies auf das Industriegebiet an der A63 bei Wörrstadt. „Da gehören Windräder hin“ – nicht in einen Waldkomplex, wie ihn der Taunuskamm darstelle. „Schöne Landschaft ist zu einem knappen, wertvollen Gut geworden“, mahnte Schuster, „und Landschaftsqualität lässt sich nicht verlegen, sie ist ortsgebunden.“

Klage durch Taunusstein

Einmal wurde es dann auch noch dramatisch. „Mein Name ist Volker Niebergall, und bisher hat noch niemand von Heimat gesprochen“, meldete sich ein Herr mit bebender Stimme zu Wort. „Aber wir werden uns beim ersten Baum, den sie in meiner Heimat fällen wollen, wiedersehen.“

Wäre es nach dem Willen der Stadt Taunusstein gegangen, hätte der Erörterungstermin gar nicht erst stattgefunden. „Wir haben am Montag beim Verwaltungsgericht Klage auf Zurückstellung des Verfahrens eingereicht“, berichtete Bürgermeister Sandro Zehner (CDU). Seiner Kommune gehe es nicht um das Für und Wider der zehn Windräder – von denen vier auf Taunussteiner Gemarkung stehen sollen –, sondern um die eigene Planungshoheit.

Die Stadt prüfe seit anderthalb Jahren, wo auf ihrem Gebiet die Errichtung von Windrädern am sinnvollsten sei. „Dabei kann ja auch herauskommen, dass wir sie im Norden bauen und den Süden, also den Taunuskamm freihalten wollen.“ Deshalb sollten die Prüfungen des Taunuswind-Projektes für ein Jahr ausgesetzt werden. Dies habe die Stadt im November beim RP beantragt, sagte Zehner der Frankfurter Rundschau. „Da wir nach vier Monaten immer noch keine Antwort haben, gehen wir jetzt den juristischen Weg.“

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